Wer ernsthaft behauptet, dass das moderne Leben keinen Platz mehr für echte Abenteuer läßt, der hat noch nie versucht, ein Auto über das Internet zu verkaufen. Was man da erleben kann, könnte problemlos Stoff für einen Hollywood-Blockbuster liefern, irgendwo zwischen Thriller und absurder Komödie. In der Hauptrolle könnte ich mir übrigens Brad Bitt vorstellen. Ein kleiner Erfahrungsbericht.

- Das Objekt der Begierde: Mein Smart fortwo Coupe, Sonderausstattung sunray.
Ich mag meinen Smartie. Die Knutschkugel ist mir seit fünf Jahren ein treuer Freund, mit dem ich viel Spaß hatte. Kein Wunder, denn der Wagen hat 60 PS Leistung bei gerade mal 800 Kilogramm Leergewicht. Das bedeutet viel PS pro KG, oder kurz: Das Fahrzeug ist ein echter Flitzer. Im Stadtverkehr eh unschlagbar, nicht nur wegen der Spritzigkeit. Wie oft schon fand ich einen Parkplatz, wo andere nichts fanden? Die nicht mal drei Meter, die der Smart braucht, sind eben eher mal da als der Platz, den die Schlachtschiffe anderer benötigen. Auch in der Steuer ist der Smart uneinholbare Spitze: 0,7 Liter Hubraum bedeuten 14 Euro, die der Fiskus sich im Jahr von mir holt. Lediglich bei der Versicherung langt der Kleine kräftig hin. Mehr als 350 Euro im Jahr kostet der Kleine als Zweitwagen. Aber das ließ sich wegen der anderen Vorzüge gut verschmerzen.

- Sonderausstattung sunray: Wurde nur wenige Monate gebaut, entsprechend selten sind diese Fahrzeuge.
Trotzdem wollte ich das Auto verkaufen. Hintergrund: Wir brauchen zurzeit einfach keine zwei Gefährte. Der Smart stand zuletzt also hauptsächlich rum oder wurde spaß-gefahren. Also ab in die Werkstatt, das Auto verkaufsfertig machen. Hier staunte ich dann nicht schlecht: Der Kostenvoranschlag für die nötigen Reparaturen belief sich auf 1400 Euro! Der Preis geht allerdings in Ordnung, denn die von der Werkstatt genannten Macken hatte der Smart beim näheren Betrachten wirklich.
Das Problem: Natürlich hatte ich keine 1400 Euro rumliegen, um diese Reparatur zu bezahlen. Ich hatte schließlich mit deutlich weniger gerechnet. Was tun? Die Entscheidung fiel schnell: Der Wagen geht unrepariert weg, mit entsprechendem Preisnachlass.

- Sonnendach und Alufelgen (nicht im Bild) haben nur wenige Smarts.
Ich habe dann einige Stunden in den verschiedensten Online-Portalen recherchiert. Was ist ein Smart fortwo Coupe, Sonderausstattung sunray, mit einer vergleichbaren Laufleistung wert, wenn er in Ordnung wäre? Zwischen 4500 und 5300 Euro lautete das Ergebnis. Ich nahm also den Mittelwert und setzte ihn als wahrscheinlichen Fahrzeugwert fest. Von diesen 4900 euro zog ich die Summe aus dem Kostenvoranschlag der Werkstatt ab – jetzt lag der Wagen bei 3500 Euro.

- Hier sind die Alufelgen gut zu sehen. Schon ein verdammt schickes Auto… werde es vermissen!
Um dem potentiellen Käufer noch ein wenig Luft zu lassen, setzte ich das Fahrzeug für 2500 (!) Euro Festpreis ins Internet. Meine Wahl fiel dabei auf Autoscout24.de, weil ich hier selber öfter mal rein schaue (ich suche schließlich immer noch nach einem Opel Kadett B *bg*). Im Text nannte ich ausführlich alles, was zu tun sein würde und erklärte den Preis. Die Anzeige stand keine fünf Sekunden im Netz, da klingelte das Telefon. Ein Mann mit Migrations-Hintergrund (so nennt man das wohl heute – früher sagte man einfach Ausländer dazu) stellte eine Menge Fragen, die er nicht hätte stellen müssen, wenn er den Text gelesen hätte. So ging es etwa zwei Stunden lang weiter. Leider hatte ich sowohl Mobil- als auch Festnetznummer veröffentlicht, sodass auf beiden Telefonen die Hölle los war. Der Inhalt des Gesprächs war fast immer gleich: Die Anrufer, ohne Ausnahme Migrantler, stellten eine Menge Fragen, die in der Anzeige allesamt bereits beantwortet wurden. Dass das Fahrzeug zu einem Festpreis angeboten wurde, interessierte keinen. Da wurde fröhlich gehandelt, und als Begründung dafür wurden wahre Schauergeschichten aufgetischt, warum denn selbst diese 2500 noch viel zu teuer wären! Ich gebe zu, soviel Respektlosigkeit macht mich wütend.
Das ist ein Problem, dass man umschalten soll. Ist gar nicht belibt in Polen für so einen Preis.
Händler abisz Automobile aus Berlin traut seinen Kunden nichts zu
Letztendlich aber wurde ich mir telefonisch doch noch mit einem Käufer einig. Der Händler “abisz Automobile” aus Berlin (rief mit unterdrückter Nummer an, und im Netz fand sich auch kein Hinweis auf die Existenz dieser Firma) wollte gleich am nächsten Tag jemanden schicken, der das Fahrzeug abholt. Er wolle es nach Polen weiter verkaufen. Okay, soll mir egal sein, dachte ich. Der Käufer drängte mich, die Anzeige zu löschen und schickte mir per Mail sogar eine “Verbindliche Kaufbestätigung”. Dass die nichts wert ist, zeigte sich ein paar Stunden später. Da sagte “abisz Automobile” plötzlich ab. Begründung: Der Wagen habe eine Tiptronic, könne also trotz Automatikgetriebe auch manuell geschaltet werden. Um mit Automatik zu fahren, muss man einen kleinen Knopf am Schaltknüppel drücken. Zitat des Händlers: “Das ist ein Problem, dass man umschalten soll. Ist gar nicht belibt in Polen für so einen Preis.” Ah ja. Die Hälfte des Listenpreises ist also für polnische Autofahrer noch zu viel, wenn sie einen kleinen Knopf drücken sollen. Ich glaube, da schätzt der Händler unsere Nachbarn falsch ein.
Tja, leider hatte ich mich auf das windige Wort von “abisz Automobile” verlassen und allen anderen Interessenten abgesagt. Der Verkauf war an dem Tag also geplatzt.
Gestern wagte ich dann einen neuen Anlauf. Wieder stellte ich bei Autoscout24.de eine Anzeige ein. Dieses Mal aber mit einem etwas schrofferen Text. Zuerst in Großbuchstaben “BITTE VORHER LESEN”, danach in kurzen Sätzen die Macken und letztendlich die Berechnung des Endpreises, damit jeder nachvollziehen kann, wie ich auf diese Summe komme. Das stand in der ersten Anzeige zwar auch, allerdings im Fließtext. Und die Anrufer hatten schließlich allesamt bewiesen, dass sie diesen Text nicht gelesen haben.

- Allem Gelästere zum Trotz habe selbst ich mit meinen 190 cm im Smart immer viel Platz gehabt.
Auf Anraten meines Schwiegervaters wählte ich allerdings einen höheren Preis. “Dann können die handeln und fühlen sich gut dabei, und mit etwas Glück bekommst Du auch mehr Geld”. Tja, der Tipp war goldrichtig. Denn zwar riefen wieder einige an, die den Text nicht gelesen hatten (und wieder innerhalb Sekundenfrist nach Einstellen der Anzeige), aber einer war dieses Mal dabei, der lesen konnte: Ein Händler aus Nordrhein-Westfalen, der sich als sachkundig genug heraus stellte, Fragen zu stellen, die im Text noch nicht beantwortet waren (bei denen ich aber mangels Sachkenntnis nicht viel helfen konnte). Wir wurden uns dann nach kurzem Verhandeln bald einig: 2700 Euro, und das Fahrzeug wird heute abgeholt.
Die Abholung klappte dann auch recht reibungslos. Erinnert mich bitte daran, meinem Schwiegervater bei Gelegenheit was Nettes mitzubringen.