Marcus Schneider ist schwul. Na und?, möchte man sagen, wir leben doch in einer aufgeklärten, toleranten Gesellschaft. Homosexualität ist doch längst nichts Besonders mehr. Doch oftmals ist Toleranz nur vorgespielt , und von wirklicher Aufklärung im Sinne Kants sind wir wohl weiter entfernt denn je.
Schneider hat drei Probleme: Er ahnt lange Zeit nichts von seiner Homosexualität, er wurde in der nicht nur Schwulen gegenüber diskriminitativen DDR geboren und – er ist Fußballer. Ein außerordentlich begabter Fußballer, dem nicht wenige eine steile Karriere prophezeien. Ausgerechnet Fußball!? Nur wenige Sportarten gelten als derart maskulin wie Deutschlands beliebteste Nebensache. Homosexualität ist dort ein Tabu, schwule Bundesligaprofis oder sogar Nationalspieler sucht man vergebens. Und doch wird es sie sicher geben.
Schneider wächst in einem ständigen inneren Konflikt auf. Auf der einen Seite seine ständig mit sich selbst beschäftigte Mutter und der ihm gegenüber nicht sonderlich herzliche Stiefvater. Auf der anderen Seite das Erfurter Sportinternat, in dem sich Marcus zurechtfinden kann, weil es ihm klare Grenzen und Regeln bietet, innerhalb derer sich der Jugendliche nicht zu sehr mit sich selbst und seinem emotionalen Zwiespalt beschäftigen muss. Der Fußball ist sein Ventil, seine Bühne.
Warum wir Marcus Schneider nie als Oberliga-, Bundesliga- oder sogar Nationalspieler kennengelernt haben, erzählt Schneider, der mittlerweile den Geburtsnamen seines Vaters Urban angenommen hat und als erfolgreicher Designer in Hamburg lebt, im autobiographischen Buch “Versteckspieler”. Der Berliner Journalist Ronny Blaschke wagt den Spagat zwischen Erzählenlassen und ansatzweisem eigenen Bewerten und Interpretieren und liefert ein mehr als lesenswertes Buch ab. Die Geschichte Schneiders/Urbans ist manchmal traurig, manchmal packend. Nie ist sie nur das Transportmittel der Meinung Blaschkes. Das macht das Buch so stark und vielleicht sogar zu einer Pflichtlektüre jedes Sportlers, nicht nur der Fußballer.
Doch auch “Versteckspieler” kennt Durststrecken. Wenn Blaschke zu seinen “Exkursen” ausholt, ertappt sich der Leser auch mal beim Weiterblättern. Das liegt nicht an den Exkursen und den darin behandelten Themen selbst. Inhaltlich stark sind diese Passagen allemal, leider stören sie die Neugierde des Lesers. Der will wissen, wie es mit Marcus Schneider/Urban, den er längst in sein Herz geschlossen hat, weitergeht. Will wissen, wie der Fußballer seine Konflikte bewältigt, wie er sich selbst – und damit Zufriedenheit – findet. Beim zweiten Lesen, wenn diese Neugierde bereits befriedigt ist, werden auch die Exkurse zu ihrem Recht kommen. Bei der Erstlektüre aber sind sie ein Störfaktor.
Trotz dieser kleinen Kritikpunkte ist “Versteckspieler” ein starkes, unbedingt lesenswertes Buch. Nicht nur für Fußballer!
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