Meister – und keinen interessiert’s

Stell Dir vor, Du wirst Deutscher Meister – und keinen interessiert’s! So oder so ähnlich müssen sich die akribischen Planer bei Volkswagen fühlen, nachdem ihre Betriebsfußballmannschaft am Sonnabend die Bundesligasaison als Tabellenführer beendete. Denn, schneller dürfte die deutsche Fußballöffentlichkeit noch nie über einen Meister hinweggegangen sein. Aber das hat seine Gründe. Denn der neue Deutsche Meister ist nichts anderes als ein Schlag ins Gesicht jedes Fußballfans.

Natürlich, Fußball ist längst ein Geschäft geworden. Allerdings nur für die Vereine und ihre Sponsoren. Für die Fans ist es viel mehr. Es ist Leidenschaft, Treue, nicht selten Liebe. Den Partner wechselt man im Laufe seines Lebens schon mal. Den Verein nicht.

All das sind Attribute, die mit dem VfL Wolfsburg beim besten Willen nicht in Verbindung gebracht werden können. Der VfL ist künstlich durch und durch. Lebensunfähig ohne die VW-Millionen, denn die Fußballfans der Region Ostniedersachsen zeigen der Werkself nach wie vor die kalte Schulter. Würde Volkswagen nicht für jedes Pflichtspiel seiner Fußballer eine satte Anzahl Freikarten verteilen lassen – es wäre noch offensichtlicher, als es jetzt schon ist.

Ausgerechnet dieses Kunstprodukt ohne Seele (das dazu noch zu 100% Volkswagen gehört, also noch nicht mal ein echter Verein ist) ist jetzt also Deutscher Meister geworden. Und? Oder besser: Na und? Es interessiert eigentlich niemanden so richtig. Ein Betriebsunfall, mehr nicht.

Das Verblüffendste an der Meisterschaft des VfL ist aber, dass sich ausgerechnet jetzt, im eigentlichen Moment des Triumphs, der Werbeeffekt für die Marke Volkswagen komplett ins Gegenteil verkehrt. Denn weniger Sympathien als zurzeit hatte der Autobauer wohl noch nie unter den deutschen Fußballfans. Negativwerbung vom Feinsten also – aber damit hätte man rechnen müssen. Denn Volkswagen hat den emotionalen Faktor komplett außer Acht gelassen. Und Emotionen kann man nicht so einfach kaufen wie sportliche Erfolge. Der VfL wird bundesweit als Werkself erkannt – und abgelehnt. Folgerichtig springt das negative Image des VfL auf den Eigentümer Volkswagen über. Gerade jetzt, besonders nach der Meisterschaft.

Cleverer wäre es von Volkswagen gewesen, dem tatsächlichen Herz der Fußball-Region – Eintracht Braunschweig – unter die Arme zu greifen und den Verein in die Bundesliga zurück zu führen. Mit einer solchen Strategie – die höchstwahrscheinlich auch noch um einiges billiger gewesen wäre als das Aufrüsten des VfL – hätte Volkswagen den Menschen in Ostniedersachsen einen Traum erfüllt und bundesweit gezeigt, dass man sich mit der Region verbunden fühlt. Doch stattdessen setzte Volkswagen den Menschen einen Plastikclub vor die Nase. Gepusht mit einer mindestens dreistelligen Summe an Euro-Millionen wurde hier im Sauseschritt die Wachablösung vollzogen. Aber wurde sie das wirklich? Der VFL wurde zwar Meister. Aber irgendwie hat das keiner gewollt. Zwar wurde am Sonnabend in der Stadt viel gefeiert. Aber wer von den Partygängern war Fußballfan? Und wer wollte nur das Event mitnehmen? Der Eindruck, dass der überwiegende Teil der Menschen dabei war, um einfach nur zu feiern (der Anlass war egal), drängt sich auf. Keine Herzenssache. Keine Emotionen. Keine Liebe.

Wer 2002 den Wiederaufstieg Eintracht Braunschweigs in die zweite Bundesliga (!) erlebt hat, weiß, wie frappierend die Unterschiede sein können. Damals trug eine ganze Region blau-gelb. Der Schlusspfiff der Partie gegen Wattenscheid 09 war der Anpfiff einer die ganze Nacht dauernden Party. Und nicht wenige haben die Woche komplett durchgefeiert. Wie hätte es in Ostniedersachen bloß ausgesehen, wenn Eintracht Braunschweig Sonnabend wieder Deutscher Meister geworden wäre? Eine Region – zwei vollkommen verschiedene Mentalitäten. Welche davon besser geeignet ist, Werbebotschaften positiv zu vermitteln, dürfte auf der Hand liegen.

Wahrscheinlich wünscht man sich bei Volkswagen mittlerweile, man hätte damals, als man sich dazu entschloss, den uninteressanten Oberligisten VfL Wolfdsburg in die Bundesliga zu hieven, etwas mehr Zeit in die Analyse der Eigenschaften und Eigenarten von Werbeträgern investiert. Denn dann hätte man viel Zeit und Geld sparen können. Und müsste jetzt nicht das negative Markenimage irgendwie wieder ausbügeln.

Was meint Ihr dazu?

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