Burghausener Doppelzungen

Unsere Regionen und Städte haben ja so ihre Spezialitäten. Wer in den Spreewald fährt, wird dort sicherlich ein paar eingelegte Gurken testen. Ein Besuch Hildesheims wäre nur halb so schön ohne Himmlische Trüffel. Und wir hier in Bremerhaven haben den besten und frischesten Fisch der Republik.

Super Doppelzungen!

Und Burghausen in Bayern? Was bietet die 18000-Einwohner-Metropole des Landkreises Altötting? Wie es scheint, kann man da super Doppelzungen bekommen ;)

Wacker kommt – keiner will’s sehen!

Aber von Anfang an: In Burghausen spielt ein Fußballverein. Benannt nach einer Chemie-Firma heißt der “SV Wacker”. Und es ist wirklich wacker, was der Verein aus seinen naturgemäß beschränkten Möglichkeiten gemacht hat. Bis vor kurzem spielte der SV Wacker Burghausen nämlich noch in der Zweiten Bundesliga. Allerdings registrierten nicht wenige den Abstieg der Oberbayern mit Erleichterung. Fans oder gar Stimmung kann der Club nicht bieten, die Gästekurven in der Republik blieben bei Wacker-Auftritten generell leer. Und verirrten sich dann mal Fans aus dem “preußischem Teil” Deutschlands an die Salzach, dann konnte es passieren, dass sie von ihren bezahlten Plätzen vertrieben oder im Vereinslokal gar nicht erst bedient wurden. Chauvinismus in weißblau – im Jahr 2009!

Ein Stockwerk tiefer, bitte

In der vergangenen Saison spielte dieser SV Chauvi Wacker Burghausen in der neu gegründeten Dritten Liga. Nicht sonderlich erfolgreich: Als Drittletzter stieg man ab. Wieder ein Aufatmen bei den anderen Fans, denn auch in Liga drei stieg die Zahl der mitgereisten Schlachtenbummler nicht in die Höhe, dazu liegt Burghausen – Entschuldigung – am Podex der Welt.

Emder Blödheit rettet bayerischen Podex der Welt

Leider hatte ein anderer Drittligist – ausgerechnet der sympathische Überraschungs-Sechste BSV Kickers Emden – seine Hausaufgaben nicht gemacht und urplötzlich festgestellt, dass man nicht gleichzeitig einen Drittligakader und einen Stadionneu- oder -umbau finanzieren kann. Dabei fehlten doch nur zwei Zentimeter! Kurz: Die Blauweißen aus Ostfriesland zogen ihren Lizenzantrag zurück, die weißblauen Schwarzweißen waren wieder dabei.

Alle Verträge mit Restlaufzeit wieder gültig

Diese Rochade hatte Konsequenzen. Denn einige Verträge bei Wacker Burghausen, die wegen des sportlichen Abstiegs obsolet waren, hatten nun plötzlich wieder Gültigkeit. Den einen oder anderen Akteur, der sonst wohl arbeitslos geworden wäre, mag das freuen. Für einen eigentlich unbeteiligten Dritten aber bedeutete das unerwarteten Ärger. Denn Eintracht Braunschweig hatte Burghausens Stürmer Marco Calamita, 11maliger Torschütze in der abgelaufenen Saison und nach dem Abstieg vertragslos und ablösefrei, zwischenzeitlich für seine eigene schwache Sturmabteilung verpflichtet. Jetzt pochen die Oberbayern auf ihren Vertrag mit Calamita und erhoffen sich – da sie den Spieler anscheinend eh nicht weiter bezahlen wollen – eine fette Ablösesumme aus Ostfalen.-> Link Passauer Neue Presse

Burghausener Spezialität: Feinste Doppelzungen!

Das mag man ja noch verstehen. Hier aber kommt jetzt die neue Burghausener (oder heißt es Burghäuser?) Spezialität ins Spiel: die Doppelzungen! Denn, was für einen Spieler gilt, für den man ja noch eine Ablösesumme bekommen könnte, gilt noch lange nicht für die Trainer! Denn auch Günther Güttler und Ralf Santelli haben nach dem Wunder-Klassenerhalt plötzlich wieder Vertrag beim SV Wacker. Das sieht man beim SV Wacker allerdings anders und lässt verlauten (im gleichen Zeitungsartikel!): „Wir werden uns mit den Herren an einen Tisch setzen“, so Wagner. „Das ist eine knifflige Rechtsfrage“, betonte Steindl. Man schließe ja einen Vertrag mit dem Trainer ab, damit „der sportliche Erfolg da ist“. Sportlich sei Wacker jedoch abgestiegen, so Steindl weiter. Wenn ein Klub dann aber durch einen Glücksfall wie das Zurückziehen der Lizenz nachrückt, „ergibt sich für mich keine sportliche Qualifizierung“. Das müsse jetzt rechtlich geprüft werden, „ob damit das Pochen auf Weiterlaufen des Vertrags rechtlich gerechtfertigt wäre“.

Sittenwidriges Verhalten von Wacker?

Na, das sind doch mal ganz exquisite Doppelzungen! Was für einen Spieler gilt, gilt also nicht für die Trainer? Ich bin kein Jurist, aber zum Glück habe ich einige in meinem Freundeskreis. Einer davon, der sogar Sportrichter ist, meinte zu dem Thema nur, dass eher der Vertrag des Spielers hinfällig sei als der der Trainer. “Schließlich musste der Spieler vom Abstieg ausgehen und seiner eigenen Arbeitslosigkeit entgegen wirken.” Von ihm zu erwarten, dass er die letzten Lizenzentscheidungen abwarte, müsse man als sittenwidrig beurteilen. Klartext: Der Verein ist sportlich abgestiegen. Wenn in den paar Tagen Viertklassigkeit ein Spieler anderswo unterschreibt, müsse der neue Vertrag Gültigkeit haben. Anders hätte es ausgesehen, wenn der Spieler zwischenzeitlich keinen neuen Verein gefunden hätte. “Dann läuft der alte Vertrag natürlich weiter.” Aber das wäre dann ja auch in beiderseitigem Interesse.

Güttler und Santelli hoffen auf Lex Brunswick

Man darf gespannt sein, ob Wacker Burghausen einen Rechtsstreit auf dem Rücken des Spielers riskiert oder ob Eintracht Braunschweig Calamita aus der oberbayerischen Kneifzange rauskauft. Sollte letzteres passieren, dürfen sich wohl die Herren Güttler und Santelli freuen. Denn dann hätte Wacker Burghausen eindeutig anerkannt, dass alle Verträge weiterhin gelten – eine Art Lex Brunswick wäre geschaffen. Da hilft dann auch keine Doppelmoral.

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