Der größte evolutionäre Vorteil des Menschen gegenüber den Tieren war es schon immer, dass er recht schnell dazu lernen konnte. Neue Situationen verblüffen uns in der Regel nur kurz – wir stellen uns darauf ein und ändern unser Verhalten. Diese Lernfähigkeit hat wohl dazu geführt, dass es ausgerechnet die Menschen sind, die – obwohl sie nichts richtig gut, aber dafür alles ein wenig können – diesem Planeten ihren Stempel aufdrücken. Ob das dem Planeten so unbedingt gut tut, ist eine andere Frage.
Eine Stunde Fahrt für eineinhalb Kilometer Heimweg
Wer diese Lernfähigkeit jetzt auch bei den Veranstaltern des jährlich wiederkehrenden City-Marathons in Bremerhaven erwartet, wird die diesjährigen Läufe an diesem Wochenende mit Spannung verfolgen. Von Anbeginn an hagelte es seitens der autofahrenden Anwohner (besonders der über Gebühr betroffenen Leher) massive Kritik am Konzept, zugunsten einiger Laufbegeisterter (die großteils nicht aus Bremerhaven kommen und denen es folgerichtig egal ist, was mit den Menschen hier passiert, während sie ihre Runden drehen) Tausende von Menschen von der Umwelt abzuschotten. Der Höhepunkt war wohl im vergangenen Jahr erreicht, als einige Leher in glühender Hitze länger als eine Stunde für den Heimweg vom Einkaufen brauchten – für eine Strecke, die sie sonst innerhalb von nicht mal fünf Minuten bewältigten. Aufgetaute Einkäufe und eine Menge sinnlos verfahrenes Benzin waren das Resultat.
Kein Lernzuwachs bei Veranstalter und Verwaltung
Für dieses Jahr war eine komplett andere Strecke erwartet worden. Eine Strecke, die Lehe verschont hätte und eher durch die grüne Natur führt. Aber: Es hat sich rein gar nichts geändert! Wie die Jahre zuvor werden besonders die Menschen, die im Dreieck Hafenstraße / Rickmersstraße / Bürger(meister-Smid-Straße) leben, wieder in Sippenhaft genommen. Die wenigen Stellen, an denen sie ihr Gefängnis verlassen könnten, werden erfahrungsgemäß kaum passierbar sein, weil ständig irgendwelche Läufer die Straße für sich beanspruchen werden. Und wieder finden die Läufe am Sonnabend statt ,wenn Familien üblicherweise ihre Wocheneinkäufe erledigen.

Wieder Hausarrest für Lehe - die Interessen der Anwohner sind uninteressant gegenüber den Verdienstmöglichkeiten des Veranstalters
Arschkarte fürs Puffviertel
Wer im Bereich nördlich der Rickmersstraße lebt, im so genannten “Puffviertel” hat übrigens den Volltreffer gezogen: Die Menschen hier – zu denen übrigens auch wir gehören – werden es an dem Tag ganz besonders schwer haben, ihre Bewegungsfreiheit zurück zu gewinnen. Denn sie sind fast komplett eingeschlossen: Das Hafengebiet im Westen ist ebenso undurchlässig wie die Rennstrecke im Süden und Osten. Lediglich im Norden gäbe es eine holprige Fluchtstrecke (auf der Jahnstraße durch den Twischkamp). Der allerdings war letztes Jahr schon kein Geheimtipp mehr und entsprechend vollkommen überlastet mit entsprechenden Staus.
executive Sports schweigt zu Vorwürfen
Dazu gelernt hat der Veranstalter “executive Sports” also gar nichts aus der wütenden Kritik der Menschen. Im Gegenteil, er hat auf Mails oder Leserbriefe nicht geantwortet und damit bewiesen, wie egal ihm die Menschen in Bremerhaven – und besonders in Lehe – sind. Enttäuscht sein darf man aber auch von der Stadt Bremerhaven. Auch bei der Verwaltung gingen einige Schreiben zorniger Bürger ein. Die Reaktion war, alles wieder genauso abzunicken wie die Jahre zuvor. Wir sind ja nur Lehe. Mit uns kann man es ja machen.
Hausarrest zugunsten der Geldbörse des Veranstalters
Die Wut, die man angesichts der vollkommenen Ignoranz der Veranstalter und unserer gewählter Politiker fühlt, ist riesengroß. Aber wundert es noch? Lehe wurde von der Stadt längst aufgegeben. Hier verfallen die Straßen im Rekordtempo, während anderswo in der Stadt Prestigebauten entstehen. Wer hier lebt, kann es sich wohl nicht leisten, anderswo hinzuziehen – glaubt man wohl bei Schulz & Co. Für diese Menschen muss man nichts mehr tun. Denen kann man dann auch, damit ein Veranstalter Geld verdient, Hausarrest verordnen. Von unseren Politikern lebt hier ja eh keiner.




Wie wahr, wie wahr. Ich erinnere mich an die Fahrerei, nur im Kreis – und das bis in den Abend. Für die betroffenen Anwohner wäre es nett, rechtzeitig informiert zu werden (und nicht nur über die Zeitung). Uns bleiben für Samstag nur 2 Möglichkeiten: Samstag sehr früh die Flucht ergreifen und erst spät – oder erst Sonntag wieder kommen. Man sollte die Spesen an die Veranstalter schicken.