Erinnern Sie sich noch an die DDR? Diesen netten, kleinen Safaripark vor der Haustür, in dem man trotz horrenden Eintrittsgeldes (“Zwangsumtausch”) nicht mal echten Kontakt mit Eingeborenen, sondern stattdessen immer nur Musterexemplare zugewiesen bekam? Der Spielgeld aus Aluminium verwendete? Wo zwar alles irgendwie billiger war als in der Bundesrepublik, aber haben wollte man es trotzdem nicht? Wo jeder eine gesetzlich zugesicherte Arbeitsstelle hatte, auch wenn die nicht unbedingt seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprach – und auch, wenn die Stelle längst doppelt und dreifach besetzt war? Und um den man Mauern und Zäune baute, damit bloß niemand ohne Eintritt rein kam – leider sind die Exponate selbst stiften gegangen?
Achtung: Die DDR ist weg!
Es wird Sie sicherlich nicht überraschen, wenn ich Ihnen jetzt mitteile, dass es die DDR in dieser Form nicht mehr gibt. Okay, die Ampelmännchen haben mancherorts überlebt. Das Ost-Sandmännchen war eh viel witziger als unseres im Westen. Der beste Sekt Deutschlands kommt von Rotkäppchen, da brauchen sich die Jungs im Süden gar nicht aufregen. Und ihre Lieblingspartei haben die DDR-Bürger auch über die Wende hinweg gerettet. Jetzt heißt sie zwar anders, der Inhalt ist aber der gleiche.
SED im Bundestag – selbst Schuld!
Dass diese Partei ohne Programm uns in den gesamtdeutschen Parlamenten mit ihrer penetranten Anwesenheit und ihrer billigen Stimmungsmache nervt, haben wir Wessis uns meiner Meinung nach allerdings redlich verdient. Denn, so richtig ernst genommen haben wir den Osten doch nie. Über den Trabbi zum Beispiel haben wir nur gelacht. Aber vergleichen wir mal einen 1980er Golf mit einem Trabanten des gleichen Baujahrs. Wenn beide Autos unrestauriert vor mir stünden – mit dem Trabbi könnte ich wahrscheinlich gleich losdüsen, Zweitakterduft und Qualmwolke inklusive. Beim Golf sähe das anders aus – Qualität made in Wolfsburg, durchgerostet von oben bis unten. Dass der aus dem Fenster hängende Arm des Fahrers beim Golf eine Spur mehr sexy aussieht als beim Trabbi ist geschenkt.
Von der BSG zum e.V. zur Kapitalgesellschaft
Was wir Wessis aber nicht nur nicht zu schätzen wussten, sondern aktiv kaputt gemacht haben, ist die Fußballszene zwischen Rügen und Chemnitz! Als die DDR-Oberliga 1991 ihre Pforten schloss, standen die Vereine vor einer komplett unbekannten Zukunft. Plötzlich war man keine staatlich geschützte BSG mehr, sondern musste sich als Proficlub mit den West-Vereinen messen – auf einem Feld, auf dem der Gegner unendlich viel Vorsprung hatte.
Wie man ein FIFA-Mitglied nach DFB-Methode abwickelt
Damit es nicht zu einfach mit dem Eingewöhnen geht, hatte sich der DFB damals eine witzige Regelung ausgedacht: Von den 14 Erstligisten des ehemaligen FIFA-Mitglieds DDR wurden ganze zwei (Dynamo Dresden, Hansa Rostock) in die Erste Bundesliga eingereiht – sechs weitere Clubs durften sich in der dann zweigeteilten Zweiten Bundesliga versuchen. Für die letzten sechs (ist das eigentlich weltweiter Rekord?) blieb nur der Gang in die Drittklassigkeit. Ein Absturz ohne Netz und doppelten Boden. Erholt hat sich davon bis heute kaum einer der Vereine.
Weiße Flecken auf der Fußballlandkarte
Wie tief der Sturz für die meisten war, zeigt der Blick auf die Abschlusstabelle der Saison 1990/91, ergänzt um die aktuellen Spielklassen der Teams:
1. Hansa Rostock (2.BL)
2. Dynamo Dresden (3.Liga)
3. FC Rot-Weiß Erfurt (3.Liga)
4. Hallescher FC Chemie (4. Liga)
5. Chemnitzer FC (4.Liga)
6. FC Carl Zeiss Jena (3. Liga)
7. 1. FC Lokomotive Leipzig (5.Liga)
8. BSV Stahl Brandenburg (6.Liga)
9. Eisenhüttenstädter FC Stahl (6.Liga)
10. 1. FC Magdeburg (4. Liga)
11. FC Berlin (4. Liga)
12. FC Sachsen Leipzig (5. Liga)
13. FC Energie Cottbus (2.BL)
14. FC Victoria 91 Frankfurt (Oder) (6.Liga)
Im Vergleich dazu sieht die Gegenwart für die 18 Bundesligisten des gleichen Jahres doch viel freundlicher aus:
1. 1. FC K’lautern (2.BL)
2. FC Bayern München (1.BL)
3. SV Werder Bremen (1.BL)
4. Eintracht Frankfurt (1.BL)
5. Hamburger SV (1.BL)
6. VfB Stuttgart (1.BL)
7. 1. FC Köln (1.BL)
8. Bayer Leverkusen (1.BL)
9. Borussia M’gladbach (1.BL)
10. Borussia Dortmund (1.BL)
11. SG Wattenscheid 09 (5.Liga)
12. Fortuna Düsseldorf (2.BL)
13. Karlsruher SC (2.BL)
14. VfL Bochum (1.BL)
15. 1. FC Nürnberg (1.BL)
16. FC St. Pauli (2.BL)
17. Bayer Uerdingen (6.Liga)
18. Hertha BSC Berlin (1.BL)
Sicherlich fällt Ihnen sofort auf, dass kein einziger der damaligen DDR-Erstligisten heute in der Bundesliga spielt, dafür aber zwölf der Westvereine.
Wer braucht schon eine breite Basis?
Doch es kam noch schlimmer für den Ostfußball: In einem Anfall reinster Reformwut machte sich der DFB jetzt daran, sein bis dahin hervorragend funktionierendes Drittligasystem umzugraben. Über Jahre hatte sich der breite Unterbau in Form der Amateur-Oberligen bewährt, als erste Bewährungsprobe für Talente ebenso wie als Auffangbecken für Zweitligaabsteiger. Durch die vielen regionalen Derbies waren die Stadien ordentlich gefüllt, dazu waren die Anreisen nie zu groß. Mit Ausnahme der Oberliga Nord vielleicht, denn hier spielten die Clubs aus Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Aber dieser Besonderheit hatte man beim DFB in besonneneren Zeiten Rechnung getragen: Aus der Oberliga Nord durfte nicht nur der Meister, sondern auch der Zweitplatzierte an der Aufstiegsrelegation teilnehmen.
Der DFB als Handlungsgehilfe der SED
Mit dieser realistischen Einschätzung der Gegebenheiten war Schluss, als sich die Süd- und Westlobbyisten im DFB mit ihren Plänen für die neue dreigeteilte Regionalliga durchsetzen konnten. Denn plötzlich sollten nicht mehr regionale Verteilungsschwerpunkte (Vermeidung von weißen Flecken auf der Fußballkarte) ausschlaggebend sein, sondern schnöde Zahlen. Genauer: Die Anzahl der Mitgliedsvereine in den jeweiligen Landesverbänden. Denn da hatten Süd und West die Nase vorn. Der Norden, der nicht so dicht besiedelt ist, wurde da schon merklich abgehängt. Ganz schlimm traf es aber auch hier wieder den Osten: Über Jahrzehnte konnte hier nach dem Willen der volkseigenen Partei SED keine Sportvereinsstruktur entstehen. Jetzt präsentierte ausgerechnet der DFB den Clubs dafür die Rechnung. Geht es noch ignoranter?
Nicht nur der Osten, auch der Norden wird schikaniert
Nord- und Ostvereine sollten also eine gemeinsame Regionalliga bekommen, der Süden und der Westen jeweils eine eigene. Doch zwischen Emden und Cottbus formierte sich Widerstand: Die weiten Fahrten wurden mokiert, gleichzeitig merkten einige Clubs an, dass Spiele gegen Vereine aus einem derart entfernten Teil Deutschlands für ihre Sponsoren nicht attraktiv seien. Der DFB zeigte sich teilweise einsichtig. Den geschossenen Bock mit der Bevorteilung des Westens und Südens konnte man nicht mehr zurücknehmen. Also durften Norden und Osten eine eigene Staffel ihrer gemeinsamen Regionalliga betreiben. Mit bizarren Folgen wie Relegationsspielen zum Aufstieg zwischen Nord und Ost (daraus resultierte unter anderem die noch heute andauernde Feindschaft zwischen Hannover 96 und Energie Cottbus), während aus dem Süden oder Westen abwechselnd mal nur der Meister, mal auch der Zweitplatzierte aufsteigen durfte. Die Halbe-Liga-Regelung lähmte den Fußball im Norden und Osten gleichermaßen. Die verlorenen Aufstiegsspiele von Hannover 96 gegen Tennis Borussia Berlin 1997 zum Beispiel hatten fatale Auswirkungen auf die eigene Staffel, denn die Roten saßen wie ein Stöpsel auf der Regionalliga Nord- nach oben konnte niemand entweichen. Bitter war das besonders für Eintracht Braunschweig, Gründungsmitglied des DFB 1900 und der Bundesliga 1963. Denn die Löwen wurden zwei Mal nacheinander Vizemeister, mit einer Punktequote, die sie im Westen und Süden zum direkten Aufstieg berechtigt hätte.
Ostvereine spielen in Deutschlands Profiligen keine große Rolle
(Nicht nur) Für die traditionsreichen Ostvereine wurde der Weg zurück in die oberen Ligen immer schwerer: Im Jahr 2000 wurden die bisherigen vier Regionaligen zusammengefasst in zwei: Die Regionalliga Nord und die Regionalliga Süd. Und um seine Abkehr von der breiten Basis komplett zu manifestieren, schuf der DFB zur Saison 2008/09 sogar eine eingleisige Dritte Liga! Der gehörten zum Auftakt übrigens ganze fünf Teams aus dem Osten an. Zeitgleich spielten in den beiden Bundesligen lediglich Hansa Rostock (2.BL) und Energie Cottbus (1.BL) als Ostteams mit. Man muss kein großer Mathematiker sein, um nachrechnen zu können, dass hier einiges nicht stimmt. Seine Fürsorgepflicht hat der DFB mindestens bei den Vereinen aus dem ehemaligen DFV-Gebiet jedenfalls nicht erfüllt.
Rote Bullen statt Lokomotiven und Chemiker
Tja, und jetzt hat sich auch noch Kunstbrausehersteller Red Bull dazu entschieden, im Ostfußball mitzumischen. Dem Fünftligisten SSV Markranstädt, unmittelbar vor den Toren Leipzigs gelegen, haben die Österreicher kurzerhand das Startrecht für die Liga abgekauft. Nach dem Salzburger Vorbild (hier hat Red Bull erst den SV Austria aufgekauft, dann komplett umgekrempelt, sämtliche Traditionen hinweg gewischt und letztendlich die ursprünglichen Fans rausgeekelt) soll hier ein Bundesligist entstehen. Direkt vor den Augen der Fans des 1.FC Lok und von Chemie (Sachsen) Leipzig! .
Randale als Marketingag?
Und man darf getrost darüber spekulieren, ob Red Bull die negativen Reaktionen der Ost-Fans mit ins Kalkül gezogen hat. Denn eins kann man den Österreichern sicherlich nicht vorwerfen: Dass sie naiv wären! Matteschitz & Co. wussten genau, dass sie mit ihrer Klonaktion einen tiefen Stachel ins Herz der Fans im Osten jagen würden. Und dass es nicht bei Transparenten und Schmähgesängen bleiben würde, sollte für die Marketingspezialisten bei Red Bull auch keine Überraschung sein – es sei denn, sie haben absolut keine Ahnung von den Besonderheiten des Fußballs (für diesen Fall empfehle ich diese Lektüre).
Beste Absichten?
Die PR-Maschinerie der roten Bullen läuft seit Übernahme des Startrechts des SSV Markranstädt auf Hochtouren. Man wird nicht müde, seine guten Absichten zu betonen (“Leipzig aus dem Fußballschlaf wecken”, “Lokale Fußballtalente fördern”) und sich als Opfer unverständlicher Aggressionen zu präsentieren. Da wird dann schonmal ein Freundschaftsspiel abgesagt, weil es angeblich Drohungen gegeben habe. Beste Werbung für die Chemiebrause!
Übernahme statt Partnerschaft – das Projekt Red Bull
Ich frage mich, wie lange es im Osten dauert, bis wirklich schlimme Ausschreitungen gegen die österreichischen Allesvermarkter folgen. Einen Vorgeschmack gab es bereits beim ersten Saisonspiel zwischen Carl Zeiss Jena II und dem Marketinggag RB (RasenBallsport) Leipzig. Da haben die Jenenser die komplette Spielzeit über ihrer Abneigung Luft verschafft – in vielfältiger, teilweise auch durchaus unangebrachter Form. Sollte es irgendwann aber körperliche Auseinandersetzungen geben, darf sich RB das getrost mit auf die Fahnen schreiben. Denn anstatt als Partner (gern mit Einfluss) einen Ost-Verein zu begleiten und unterstützen, hat man sich für die arrogante Variante entschieden, den Menschen einfach ein neues Produkt vorzusetzen. Dass gerade die Fans der arg gebeutelten Traditionsvereine das als persönlichen Affront verstehen, sollte niemanden verwundern, der sich ein wenig mit Menschen auskennt.
Keine Gewalt trotz ohnmächtiger Wut!
Gewalt war für mich nie eine Option. Wer zuschlägt, hat keine Argumente – davon war ich immer überzeugt und bin es auch heute noch. Allerdings kann ich die Ohnmacht und Wut der Fans im Osten ein Stück weit nachvollziehen. Erst wickelt der DFB ihre Vereine dermaßen konsequent ab, dass es schon immenser Anstrengungen bedürfte, um aus den Rumpelligen wieder hoch zu kommen. Und dann platziert eine Brausefirma ihr Projekt mitten ins Herz des Ostfußballs. Sollte Gott dieses Drehbuch genehmigt haben, dürfte er als grausamer Sadist gelten.



