Erwartet hatte es eh jeder. Aber als es dann genau so kam, überschlugen sich die Beobachter dann trotzdem mit ihren von Hohn und Spott durchtränkten Kommentaren. Das sei kein Duell gewesen, sondern die Teestunde eines alten Ehepaares. Aber was hatten sie erwartet? Rocky Balboa gegen Apollo Creed?
Die Reaktionen auf das so genannte Kanzlerduell fielen eher negativ aus. Zu wenig Angriffslust sollen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier an den Tag gelegt haben. Zuviel gelächelt hätten sie, zu selten den Gegenüber attackiert. Langweilig sei es gewesen.
Was ist überhaupt Wahlkampf?
Da drängt sich mir die Frage nach der Definition eines Wahlkampfes auf. Ursprünglich lautete sie, dass die Parteien mit guten Argumenten für sich und ihre Positionen werben. Nach Abwägen dieser Argumente hat der Wähler das letzte Wort – er macht seine Kreuze dort, wo er sich am besten aufgehoben fühlt.
Wie man sich richtig verhält und trotzdem verliert
Frau Merkel und Herr Steinmeier haben gestern Abend einen perfekten Wahlkampf geboten. Respektvoll gingen sie miteinander um – das ist selten geworden. Sie wählten eine gut verständliche Sprache für ihre Argumentationen. Auch das ist nicht immer alltäglich. Der größte Pluspunkt der beiden Kontrahenten um Deutschlands Regierungsvorsitz: Sie vermieden unsachliche Tiefschläge und billige Unterstellungen. In einer Gesellschaft, die mental auf der Höhe ist, sollten sowohl die Kanzlerin als auch ihr Herausforderer gepunktet haben.
Was wollen die Deutschen wirklich: Show oder Sachlichkeit?
Dass eher das Gegenteil der Fall ist, wirft ein schlechtes Licht auf unser Volk. Sind wir Deutschen so unterhaltungssüchtig geworden, dass wir Spaß nicht mehr von Ernst unterscheiden können oder wollen? Dass uns der Unterhaltungsfaktor bei einer Debatte zweier Top-Politiker wichtiger ist als ihr Informationswert? Dass wir nur darauf warten, dass zwei Menschen, die beide bewiesen haben, ihre Aufgaben zu beherrschen, kindische Attacken fahren?
Show gibt es an den Flügeln zuhauf
Der Eindruck drängt sich mir auf. Bestärkt werde ich dabei von den bisherigen Ergebnissen der Wahlumfrage (rechte Spalte). Rund ein Viertel aller Teilnehmer würde so sein Kreuz bei einer extremistischen Partei machen wollen. Natürlich ist diese Umfrage weit davon entfernt, repräsentativ zu sein. Die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen zeigen aber, dass besonders die Linksradikalen mit flachen Parolen zu punkten wissen.
Die alternative Kanzlerrunde
Flache Parolen statt seriöser Argumente – war es das, was sich die versammelten Medienvertreter vom gestrigen TV-Duell erhofft haben? Dann hätten sie keine Praktiker wie Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier einladen dürfen. Dann hätte man Gerhard Schröder, den Erfinder der jovialen Politik der ruhigen Hand, und seinen Spezi Oscar Lafontaine einladen müssen. Dazu noch zwei Vertreter des rechten Randes – der Kessel Buntes wäre perfekt gewesen! Als Nummerngirl hätte man Bärbel Schäfer reaktivieren können, den Ringrichter könnte Alexander Holt geben.
Meinungsmacher abwählen!
Vielleicht ist ja gar nicht das deutsche Volk so abgeflacht, wenn es Show statt Wahlkampf erwartet. Vielleicht sind das einfach nur die verantwortungslosen Meinungsmacher, die allerdings genau wissen, dass sich Schlammschlachten werbewirksamer verkaufen lassen als sinnvolle Argumentationen. Vielleicht sollten wir die endlich abwählen?



Nun ja, wenn man schon ein “Duell” inszeniert, sollte man schon einen Kampf der Worte und Argumente erwarten können. Das, was wir gestern geboten bekamen, hatte da doch eher den Charme des “Zwie”gesprächs zweier Beamter in der Kommunalverwaltung.
Doch in der Tat konnte das Volk nicht mehr erwarten, da es kaum noch unterschiedliche Konzepte in den Parteien gibt. Und das ist m.E. eher der Grund, daß die Ränder stärker werden. Welcher Konservative kann heute noch ruhigen Gewissens sein Kreuz bei “C”DU machen, die das C nur noch im Namen trägt, das aber schon lange nicht mehr Programm ist? Welcher Linke, dessen Horizont noch über das Anti-Rechts-Gefasel hinausgeht, wählt noch die SPD? Die beiden Parteien sind beliebig austauschbar. Das hat der gestrige Abend gezeigt.
Die Zeiten, als auch die etablierten Parteien noch leidenschaftlich gestritten haben, sind offenbar endgültig vorbei. Folge dessen ist das Erstarken der Linkspartei. Eine weitere logische Folge wird eine rechte Alternative zur CDU sein. Die FDP, die noch von der Profillosigkeit der CDU profitiert, wird die enttäuschten Konservativen aufgrund der Entmachtung des nationalliberalen Flügels nicht dauerhaft halten können (in Sachsen etwa sind diese schon zur NPD bzw. in den Wahlstreik geflüchtet). Es kommt nicht von ungefähr, daß Rechtsparteien in jedem Landtag und vermutlich auch im Bundestag sitzen würden, wenn es nach den “Jungwählern” ginge.
Hallo Marlene,
in meinem Blogeintrag ging es eher darum, dass die Menschen eine Show anstelle von sachlichen Argumentationen erwartet haben (oder es ihnen zumindest eingeredet wurde). Mir persönlich gefällt es immer besser, wenn Menschen miteinander respektvoll umgehen, anstatt rum zu polemisieren. Ob sich die Volksparteien immer mehr angleichen und dadurch die Ränder stärken, wäre ein Thema für einen weiteren Eintrag