Was nutzt das beste und sinnvollste Instrument, wenn es gedankenlos und keulengleich eingesetzt wird? Originär sind Abmahnungen dafür gedacht, das rechtlich einwandfrei nachweisbare Fehlverhalten eines anderen mit leichtem Druck (und überschaubaren Kosten) beenden zu können, ohne dafür die Gerichte bemühen zu müssen. Allerdings setzt eine Abmahnung grundsätzlich die Befähigung voraus, eine Situation mit mehr gesundem Menschenverstand als juristischem Fachwissen angemessen zu gewichten.
Seitdem das Internet zum Volksmedium aufstieg, wird wie wild abgemahnt: Ob Verkäufer bei Ebay oder Betreiber einer Webseite oder eines Forums: Die Gefahr, von findigen Anwälten auf der Suche nach Einnahmemöglichkeiten abgemahnt zu werden, war noch nie so hoch. Und die Kosten, die für eine angebliche Rechteverletzung geltend gemacht werden, belaufen sich nicht selten im vierstelligen Bereich – abhängig davon, wie hoch der Anwalt den angeblichen Streitwert (selbst!) ansetzt.
Jack Wolfskin in: Verteidiger der heiligen Tatzen
Seit neuestem tritt auch der Bekleidungshersteller Jack Wolfskin in den Abmahnwahn ein. Die sich irgendwo in der hessischen Taiga befindende Firma lässt ihre Anwaltskanzlei seit einigen Tagen Kostennoten verschicken – an Hobbybastler und Heimwerker! Die Begründung dafür liest sich in den Schreiben identisch: Die einheimischen Freizeittüftler hätten ein Tatzensymbol genutzt und damit die Markenrechte der vorwiegend in Vietnam und Thailand produzieren lassenden Firma Jack Wolfskin verletzt. Und was genau haben diese “gefährlichen Markenpiraten” getan? Sie hatten auf Ohrsteckern oder Taschenspiegeln ein Katzen- oder Hundepfötchen als Dekor aufgetragen.

Kann man den Abdruck einer Tierpfote überhaupt schützen? Jack Wolfskin zumindest ist der Meinung, die weltweiten Rechte an jeder Art von Tatze zu haben.
Wie kann man eigentlich die Rechte an einem Tierpfotenabdruck besitzen?
Mal abgesehen davon, dass es schon eine Spur fragwürdig ist, das Recht auf ein in der Natur vorkommendes Muster zu beanspruchen – mit dieser Aktion schießt Jack Wolfskin kräftig am Ziel vorbei. Denn der negative Werbeeffekt dürfte für den Klamottenhersteller immens sein – das Thema wird www-weit mit eindeutigem Tenor diskutiert und pflanzt sich via Mundpropaganda auch im “echten Leben” rasend schnell fort. Nicht nur in diversen Weblogs. Mittlerweile haben die ersten Primär-Medien die Tatzen-Affäre für sich entdeckt: Focus online oder Spiegel Online zum Beispiel widmen dem Thema einen umfassenden Artikel. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch das Fernsehen über Jack Wolfskin und seine Rechtsabteilung berichtet. Der Imageschaden dürfte dann kaum noch zu beziffern sein. “Bedanken” dafür darf sich die PR-Abteilung der Firma bei der eigenen Rechtsabteilung. Mono-Skiller sind eben immer dem Risiko des Tunnelblicks ausgesetzt.
Die Welt ist kein Gerichtssaal
Cleverer wäre es von Jack Wolfskin zweifellos gewesen, den vermeintlichen Rechteverletzern erstmal nur einen netten Brief zu schreiben. Mit dem freundlichen (und vor allem kostenlosen) Hinweis, dass die Firma ihre Markenrechte verletzt sähe und deshalb darum bittet, das Tatzendesign zukünftig zu vermeiden. Normale Menschen machen das so. Denn die Juristerei ist nicht alles auf diesem Planeten. Es gibt auch noch so etwas wie soziale Intelligenz. Leider scheinen manche Juristen die Welt grundsätzlich durch den Schönfelder zu sehen und vergessen dabei, dass sie es auf der anderen Seite mit Menschen zu tun haben.
PS: Unser Havaneser Juri hat soeben auf den Pflastersteinen im Garten eine Pfötchenspur hinterlassen. Ich hoffe, dass die Anwälte von Jack Wolfskin das jetzt nicht als Hobbyarbeit deuten und mich abmahnen. Oder Juri. Aber der ist ja nur ein Hund.
PPS: Kleines Update – auf der Seite werbeblogger.de ist ein Brief eines ehemaligen Fans der Marke an die Geschäftsführung zu lesen. Absolut empfehlenswert!



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Toller Artikel, ich werde jetzt auch gleich mal weiter blättern hier. Bis später.