Heute ist der Geburtstag meiner Großmutter. Auch wenn sie bereits seit einigen Jahren verstorben ist, so denke ich doch immer noch sehr oft an sie. Schließlich war sie meine einzige echte Oma.
Bei Oma schmeckte es am besten
Was mir zuerst einfällt, wenn ich mich an sie erinnere? Ihre Kochkunst. Besuche bei meiner Großmutter waren immer äußerst lecker. Beste Hausmannskost, die heute vor lauter Fast Food und Dosenfutter fast ausgestorben scheint. Ich habe oft versucht, ähnlich gut zu kochen wie meine Großmutter. Aber das ist mir nie gelungen. Nicht nur, weil ich die Rezepte nicht habe. Mir fehlt neben der Erfahrung auch die Geduld. Meine Oma hat, wenn wir zu Besuch kamen, fast den gesamten Vormittag für die Vorbereitungen gebraucht. Ob man Geduld lernen kann?
“Ab in die Pilze”
Dann erinnere ich mich noch an einen sehr intensiven Waldgeruch. Sie lebte in der Lüneburger Heide, in einem kleinen Dorf. Zu Oma fahren bedeutete, Zeit zu haben für Spielen im Wald. Und im Herbst sammelten wir Beeren und Pilze, mundartlich nannten wir das “in die Pilze gehen”. Seit sie verstorben ist, habe ich das nicht mehr gemacht. Die Zeit könnte ich mir nehmen. Aber warum?
Bitteres Schicksal ohne eigene Schuld
Ein fester Bestandteil ihres Charakters war aber auch Verbitterung. Über einen Krieg, den sie nicht wollte und den sie nicht verhindern konnte. Obwohl sie es versucht hat. Ein Krieg der sie aus ihrer Heimat Bromberg vertrieben und bettelarm gemacht hat. Und der sie den Ehemann kostete. Ich wurde 1974 geboren. Was ein Krieg ist, kann ich mir kaum vorstellen. Denn selbst meinen Wehrdienst habe ich zu absoluten Friedenszeiten absolviert. Der eiserne Vorhang existierte nicht mehr, der Warschauer Pakt war aufgelöst. Das Wort “Terrorismus” kam im alltäglichen Sprachgebrauch kaum vor. Und wenn, dann eher historisch gemeint. Denn Terroristen, das waren die von der DDR unterstützten Mitglieder der Roten Armee Fraktion. Keine Muslime.
Alte Heimat Bromberg
Meine Großmutter hat wenig von damals, von ihrer Heimat Bromberg und der Flucht erzählt. Man musste sie schon sehr genau fragen, um Antworten zu erhalten. Denn es tat ihr auch nach 50 Jahren noch sehr weh. Bilder von ihrem Haus hatte sie keine mehr. Überhaupt kaum Fotos. “Wenn Du flüchten musst, sind Erinnerungen das letzte, was Du einpackst”, hatte sie einmal gesagt. Lebensmittel hatte sie mitgenommen, als sie mit ihren kleinen Kindern nach Westen floh. Und warme Kleidung, denn es war Winter. Die Sowjetarmee stand bereits kurz vor Bromberg, und mit ihr kamen die Geschichten von Mord, Vergewaltigung und Vertreibung. Eine Nachbarin, die wegen eines körperlichen Leidens nicht fliehen konnte, habe sich lieber selbst getötet, als den Russen in die Hände zu fallen. Dass meiner Großmutter die Flucht glückte, verdankte sie auch ihrem Nachbarn, einem Polen. Der hatte ihr damals aus der Stadt geholfen.
Keine Gerechtigkeit zu Lebzeiten
Heute wäre meine Großmutter 100 Jahre alt geworden. Gerechtigkeit hat sie zu Lebzeiten nie erfahren. Dabei hätte Gerechtigkeit nicht bedeutet, sie für die Verluste zu entschädigen. Nein, es hätte gereicht, sie und ihre Geschichte ernst zu nehmen. Ihr mit aufrichtigem Interesse zuzuhören. Aber das Thema Vertreibung war ein Tabu. Die Menschen, die ihre Heimat, ihre Existenzen großteils schuldlos verlassen mussten, durften nicht über das Unrecht sprechen, dass ihnen widerfahren war. Im Osten war es noch schlimmer als im Westen. Da war die Sowjetunion ja ein befohlener Bruder. Wer über die erlebten Greuel sprach, fand sich schnell im Gefängnis wieder. Bei uns im Westen war es nicht ganz so schlimm. Ins Gefängnis kam niemand, der sprechen wollte. Zuhören aber wollte den Menschen auch hier niemand. Auf diese Weise haben wir mindestens zwei Generationen seelisch misshandelt: Diejenigen, die als Erwachsene fliehen mussten. Und die, die die Flucht als Kinder miterlebten. Denn beiden haben wir, die später Geborenen genauso wie die, die nicht vertrieben wurden, nicht zugehört. In Zeiten, in denen ein deutscher Bundeskanzler in Polen Kränze niederlegte und auf die Knie fiel, galt das als Revanchismus und Ballast. Was für eine Grausamkeit!
Genug Abstand für eine faire Bewertung
Mittlerweile haben sich die Zeiten ein Stück weit geändert. Es scheint, als sei endlich genug Zeit vergangen, damit man die Geschehnisse ohne ideologische Scheuklappen aufarbeiten und verstehen kann. Natürlich gibt es immer noch die ewig Gestrigen. Unverbesserliche, für die die Nazis eine Art Monopol auf Greueltaten besitzen. Die die Augen verschließen vor den Tatsachen und jeden Versuch, endlich eine Geschichtsbewertung anhand historischer Fakten zu versuchen, ablehnen. Die jede Diskussion über das Schicksal der um ihre Heimat und ihr Leben betrogenen Vertriebenen kategorisch ablehnen. Aber sie werden weniger. Gott sei Dank.
Alles Gute zum Geburtstag, Oma!
Für meine Großmutter kommt diese Entwicklung etwa zwei Jahrzehnte zu spät. Ich bin sicher, sie hätte die beginnenden Diskussionen über das Leid der deutschen Heimatvertriebenen mit Erleichterung begrüßt. Alles Gute zum Geburtstag, Oma!



Ich will nur mal Hallo sagen. Bin jetzt schon das Dritte mal über den Blog gestoßen.
Mein Sohn ist gerade die ersten Meter gelaufen. Solche Stunden sind echt unvergesslich! Leider wird Marvin viel zu schnell groß.
Das ist ein schöner Artikel zu Ehren Deiner Oma.
Widersprüchlich ist jedoch, daß Du im Beitrag vom “Osten” sprichst und damit das Gebiet der ehemaligen DDR meinst. Woher floh denn dann Deine Oma, aus Westpolen?
Die Frage der korrekten Bezeichnung ist nicht nur eine Geschichtsfrage, sondern hat reale Auswirkungen auf das Selbstverständnis unseres Volkes und das Andenken an die Ostdeutschen und ihr Vermächtnis.
Ein Beispiel, wozu diese Begriffsverwirrungen führt:
Das vermeintliche Standardwerk “Literarischer Führer Deutschland” beschäftigt sich ausschließlich mit Literaten, die diesseits der Oder-Neiße-Linie wirkten. Das Schaffen ostdeutscher Literaten wird gänzlich außen vor gelassen. Der Ostpreuße Immanuel Kant etwa wird gar nicht erwähnt. Andere Literaten, wie Herder, Eichendorff oder Hauptmann finden nur soweit eingang, wie sie zufällig in West- und Mitteldeutschland wirkten.
Damit wird das kulturelle Schaffen unseres Volkes aus politischen Motiven in lächerlicher Weise verkürzt.
Die Aufspaltung des deutschen National- und Kulturraumes ist niederträchtig und dumm. Dem sollten wir nicht noch Vorschub leisten.