Claudia Pechstein: Beweise für die Unschuld

Wer Eisschnellläuferin Claudia Pechstein in den letzten schweren Monaten bei ihrem Kampf gegen die Dopingvorwürfe erlebt hat, konnte nicht glauben, dass die fünfmalige Olympiasiegerin wirklich betrogen haben soll. Mit Leidenschaft kämpfte sie gegen die zweijährige Sperre an, die ihre vorbildliche Karriere so plötzlioch und unerwartet zerstört hat. Erfolg hatte sie mit diesem Kampf bisher nicht. Obwohl keinerlei Beweise für ein Doping vorlagen und sich die Ankläger lediglich Indizien bedienten, die äußerst “großzügig” zu Pechsteins Nachteil interpretiert wurden.

Formstörung als Ursache für Karrierezerstörung

Doch jetzt hat es den Anschein, als sollte Claudia Pechstein ihre Unschuld endlich beweisen können. Die Experten der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) haben für Montag eine Pressekonferenz angekündigt und wollen dort medizinisch belegen, dass Pechstein nicht nur unschuldig ist, sondern auch, dass der Verband ISU als auch der internationale Sportgerichtshof CAS kräftig Mist gebaut haben. Denn Pechstein habe eine Formstörung (Sphärozytose), mit der die Untersuchungsergebnisse zu erklären seien. Auf keinen Fall lasse sich aus den Ergebnissen ein Doping beweisen.

“Bei Frau Pechstein wurden Veränderungen des roten Blutbildes gefunden, die nicht zu Doping passen und mit großer Wahrscheinlichkeit für eine angeborene Störung im Aufbau der roten Blutzellen sprechen. [...] Diese Formstörung (Sphärozytose) liegt in einer leichten Form vor und führt zu einem erhöhten Zellumsatz mit kürzerer Überlebenszeit. Die Erhöhung der Retikulozyten – der frisch aus dem Knochenmark ausgeschwemmten roten Blutzellen – ist Ausdruck der gesteigerten Blutbildung und nicht durch Doping bedingt.”
Gerhard Ehninger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie

Dem Kampf gegen das Doping geschadet

Ich mache kein Geheimnis daraus, dass mich diese Wendung außerordentlich freut. Ich fand es unerträglich, wie arrogant die Ankläger jeglichen Hinweis auf die Schwächen ihrer Beweisführung abgebügelt haben. Unerträglich, wie jeder Versuch Pechsteins, ihre Unschuld zu beweisen (muss das nicht anders herum laufen?), im Keim erstickt wurde. Unerträglich, dass im Zweifel nicht der Freispruch, sondern die Verurteilung stand. Unerträglich, dass augenscheinlich ein Exempel statuiert werden sollte, bei dem das Opfer gezielt prominent ausgesucht wurde, um einen möglichst hohen Effekt zu erzielen. Damit wurde der an sich wichtige und richtige Kampf gegen das Doping im Sport radikal entwertet und ad absurdum geführt.Mir hat Claudia Pechstein außerordentlich Leid getan. Denn sie hat einen echten Albtraum erleben müssen: Im Recht sein, aber kein Recht bekommen. Gegen Wände argumentieren, an Arroganz scheitern. Das Verhalten von ISU und CAS hat an ein mittelalterliches Tribunal erinnert: Das Urteil stand vorher fest, die Verhandlung war nur unwürdige Schau. Und jetzt, endlich, der wissenschaftliche Beweis dafür, dass Claudia Pechstein von Anfang an unschuldig war? Das tut gut. Und wie!

Süddeutsche nach Vorverurteilung in moralischem Konflikt

Dass allerdings selbst der medizinische Beweis der Unschuld Pechsteins bei den modernen Hexenjägern keine Einsicht erzwingen wird, zeigt ein entsprechender Artikel der Süddeutschen Zeitung. Noch vor der Pressekonferenz preschen selbst ernannte Dopingexperten vor und versuchen die Ergebnisse zu relativieren und negieren. Problematisch: Die SZ hatte die Berlinerin Pechstein bereits früh für schuldig befunden und jetzt augenscheinlich Probleme damit, zurück zu rudern und das Thema journalistisch ausgewogen und fair zu behandeln. Entsprechend wirkt dieser Artikel mehr wie ein Kommentar.

“Wenn man beweisen kann, dass ein Haus brennt, ohne dass ein Blitz eingeschlagen hat oder die Elektrik kaputt war, muss Brandstiftung vorliegen.”
ISU-Mediziner Harm Kuipers weiß nichts von weg geworfenen Zigarettenkippen oder dem Lupeneffekt von Wassertropfen und präsentiert sich enttäuschend unwissenschaftlich.

Verstoß gegen elementare Rechtsgrundsätze

Die wichtigste Erkenntnis des ISU-Skandals aber ist eine ganz andere: Es gibt da, nicht ohne Grund, einen Rechtsgrundsatz. Der lautet “im Zweifel für den Angeklagten”. In der Rechtsprechung enden Indizienprozesse selten mit Verurteilungen – oft nur dann, wenn der Angeklagte unter dem Druck der Verhandlung ein Geständnis ablegt. Das hat Claudia Pechstein nie getan – im Gegenteil. Und es gab genügend Unstimmigkeiten bei der Beweisführung. Ganz schlimm finde ich die immer wieder betonte Auffassung der Ankläger, dass man bei einem Indizienprozess ja gar keine Beweise brauche, sondern lediglich Unstimmigkeiten, um eine Tatsache zu formulieren. Wenn keine anderen Ursachen möglich seien, dann müsse es eben Doping sein. Aua! Das ist an Ignoranz kaum noch zu überbieten. Bedeutet diese Aussage doch, dass die Medizin bereits alles über den Menschen wisse. Wenn das so wäre, bräuchten wir keine Forschung mehr…

Ich gönne Frau Pechstein jetzt eine umfassende Rehabilitierung und eine hohe Entschädigung. Den Makel wird sie nie los werden, dazu ist ihre Karriere zerstört. Das dürfte die ISU einiges kosten.

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3 Responses to Claudia Pechstein: Beweise für die Unschuld

  1. detektor.fm says:

    Dazu haben wir mit zwei Experten gesprochen. Die Interviews gibts zum nachhören:
    http://detektor.fm/kultur/ein-schuss-in-den-ofen-der-fall-pechstein/

  2. doper says:

    schuldig! wie der baumann! nachdem sich die pechstein kurzzeitig in den wettkampf zurückgeklagt hatte, sind alle an ihr vorbeigezogen, klar, ohne doping bringt man ja keine leistung. eine schande für den sport ist die, ohne zweifel.

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