Zuhause… wo ist das?

Arbeit ist ‘ne tolle Erfindung. Sie sorgt dafür, dass man keine Zeit hat für längere gedankliche Spaziergänge. In meinem Fall ist das wirklich gut, denn solange ich etwas zu tun habe, komme ich nicht dazu, über mich selbst und meine eigene Unrast nachzudenken. Heute Vormittag allerdings ist es mal wieder soweit – ich habe ein paar Minuten Zeit für mich und meine Erinnerungen und komme immer wieder zur gleichen Frage zurück: Wo bin ich Zuhause?

Ich kann und will mich eigentlich nicht beschweren. Ich hatte bisher eine Menge Glück im Leben. Tini – die eine Frau zu finden, die zu mir passt, die mich mit all meinen Launen und (durchaus nicht einfachen) Eigenarten liebt – das grenzt für mich auch heute noch an ein Wunder. Eigentlich müsste ich dafür unendlich dankbar sein und es tunlichst vermeiden, mit mir selbst in einen philosophischen Streit darüber zu treten, was und wo mein Zuhause ist. Aber manchmal…

Der Mensch ist nunmal von Natur aus unzufrieden und sehnt sich nach Antworten. Da mache ich keine Ausnahme. Und für mich ist spätestens seit 2005, als meine Mutter überraschend starb und ich quasi über Nacht heimatlos geworden war, die Frage nach dem Zuhause unglaublich wichtig geworden. So ist es ja oft: Solange man etwas hat, macht man sich darüber keine Gedanken. Erst, wenn es fehlt, vermisst man es.

Die Situation damals war aus vielerlei Gründen schwierig: Ich war kurz vorher wieder zu meiner Mutter nach Hildesheim gezogen, um einfach da zu sein. Sie hatte wenige Monate davor einen Herzinfarkt erlitten, war aber auf dem Weg der Besserung, wie man so schön sagt. Ganze sechs Tage nach meinem Wiedereinzug starb sie unvermittelt. Der Notarzt konnte nichts mehr tun. Mein nicht sonderlich überdachter Schritt, wieder im Elternhaus zu leben, entwickelte sich jetzt zum Fiasko, denn dieses Elternhaus sollte schnellstens verkauft werden.

Es war die mieseste Zeit meines Lebens. Ich musste regelrecht aus Hildesheim fliehen. Eine Unterkunft fand ich in Hannover in einer 30m²-Wohnung mitten in einer vermeintlichen Asi-Gegend. Gleich vorweg: So schlimm war es nicht. Im Gegenteil, das Umfeld tat mir gut. Es waren herzliche, freundliche Menschen. Dazu war meine Arbeitsstelle in Fahrradreichweite. Meine heutige Frau und meine älteste Schwester waren in dieser Zeit genauso für mich da wie liebe Kollegen. Trotzdem, es ging mir mies. Es gab Tage, da habe ich einfach nur geheult.

Nur zu gern bin ich Tini nach Bremerhaven gefolgt, als sie hier in der Nähe eine Arbeitstelle fand. Ein Neuanfang sollte es werden. Teilweise hat das funktioniert, aber die eigenen Träume und Gedanken kann man nicht kontrollieren. Die Umstände meiner Flucht aus Hildesheim haben bei mir etwas zerstört, was anscheinend unglaublich wichtig ist für meinen inneren Frieden: Die Definition von Heimat, Zuhause.

Natürlich, Zuhause ist da, wo das Herz ist. Und das ist bei meiner Frau. Aber ein wenig mehr gehört wohl doch noch dazu. Immer, wenn ich nach Hildesheim fahre, ans Grab meiner Eltern, tut es richtig weh. Ich habe mein Elternhaus seit meinem Auszug nicht mehr gesehen. Ich fahre lieber einen Umweg, als dass ich sehen wollte, dass sich etwas verändert hat. “Die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann”. Auf mich trifft das defintiv zu.

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2 Responses to Zuhause… wo ist das?

  1. Björn says:

    Vielen Dank für deine Offenheit! Deine Zeilen haben mich sehr berührt!

  2. Marlene says:

    Erstaunlich, daß ein Togo-Mann sich so typisch deutsche Gedanken macht ;-)

    Da ich in Gießen geboren bin, jedoch nur ein Jahr dort gelebt habe, dann bis zum 13. Lebensjahr in der Nähe von Koblenz aufgewachsen bin bevor ich in Hildesheim-Ochtersum strandete, habe auch ich mir darüber mehr als nur einmal Gedanken gemacht.
    Nach meinen Besuchen in Koblenz konnte ich feststellen, daß dies jedenfalls nicht meine Heimat/mein zu Hause ist. Sehnsucht mochte selbst am romantischen Rhein nicht aufkommen. Auch der Geburtsort konnte keine heimatlichen Gefühle erwecken.
    Während meines Studienaufenthalts in Jena entwickelte sich jedoch nach sehr kurzer Zeit eine tiefe Sehnsucht nach Hildesheim und der niedersächsischen Scholle. Dies ging soweit, daß ich jedes Wochenende nach Hause fuhr und das, obwohl mir Jena und seine Bewohner außerordentlich gefielen. Heimat bedeutet offenbar mehr, als daß man in einer Stadt geboren wird. Es ist die Prägung über Generationen hinweg, die eine Stadt oder einen Landstrich zu seiner Heimat macht. Meine Ahnen siedelten seit Jahrhunderten in der Lüneburger Heide rund um das heutige Geisterdorf Lopau. Nach dem Umzug nach Hildesheim wurde mir bewußt, daß es die unbändige Stimme des Blutes ist, die das Leben bestimmt und Dir eine Heimat gibt.
    Daß Heimat dort ist, wo auch das Herz ist, trifft es schon ganz gut. Das Herz ist doch nicht nur bei der werten Gattin, sondern auch bei der eigenen Familie, bei den Ahnen, auch wenn sie verstorben sind. Zudem ist mein Heimatbegriff nicht auf eine bestimmte Stadt beschränkt. Es ist die deutsche und insbesondere die niedersächsische und (Muttern sei Dank) die schlesische Art, die mir eine Heimat gibt.

    Jetzt könnte ich mich noch darüber auslassen, daß die Geburt und das Aufwachsen des Stammhalters in einer bestimmten Stadt eine gewisse Verbundenheit zu jener bewirkt, allerdings will ich es mir mit dem Netzmeister ja nicht ganz verscherzen :-D

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