Weltkultur – Einheitskultur?

On November 2, 2010

Sonntagabend – endlich mal Zeit für die Familie, das heißt bei mir: für Frau und Hund. Ein wenig die Füße hochlegen, sich über die Woche unterhalten, oder aber auch mit dem Hund spielen oder neue Tricks üben. Unsere Freunde wissen, wie heilig uns der Sonntagabend ist als letzte Ruhepause vor einer neuen, hektischen Arbeitswoche, lassen uns entsprechend in Ruhe.

Und dann klingelt es andauernd an der Tür. Keine Chance, den Abend zu genießen. Wenn man die Tür nicht öffnet, wird eben Sturm geklingelt. Für uns, aber besonders für den Hund, der dabei natürlich überhaupt nicht abschalten kann und ständig unter Hochspannung steht, ist dieser Terror purer Stress. Vor allem ungewollter, unerwarteter Stress. Und warum?

Am Sonntag war Reformationstag. Die protestantischen Christen feiern an dem Tag, dass der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther (Wahnsinn, der kommt jetzt schon zum zweiten Mal im togoblog vor!) im Jahre 1517 die verknöcherte und kommerzialisierte katholische Kirche mit 95 Thesen aus ihrer Selbstgefälligkeit und Lethargie (nicht zu verwechseln mit Liturgie, das ist was anderes) gerissen hat. Als Folge entstand eine Reformationsbewegung, die letztendlich in der Abspaltung der zwar moderneren, sich andererseits aber auf das Traditionelle, Wesentliche besinnen wollende protestantischen Kirche gipfelte.

Ihr ahnt es: An unserer Tür standen keine evangelischen Reformationsfans, die uns zurück in den Schoß der Gemeinde holen wollten. Stattdessen rannten Kinder von Tür zu Tür, klingelten deren Bewohner aus dem Sonntagabend und wollten Zahnschmelz killende Süßigkeiten erbetteln. Kostümiert waren sie auch noch, als sei es Fasching. Ihr wisst es längst: es waren die Botschafter der us-amerikanischen Einheitskultur, die den us-amerikanischen Feiertag Halloween begehen wollten und dafür die Nachbarschaft terrorisierten.

Die Tinnef-Produzenten dieser Welt wird es freuen. Für sie wird es immer einfacher, billige Massenware in immer höherer (und damit kostengünstigerer) Stückzahl zu produzieren und loszuwerden. Ist doch bestens: die lokalen und regionalen Eigenarten werden immer wieder als verstaubt und langweilig verpönt, dafür übernehmen wir dann eben die verstaubten und langweiligen Feiertage aus den USA. Warum? Wir Europäer finden alles geil, was aus den Staaten kommt und nehmen es nur zu gern als Ersatz für unsere eigene Kultur und Identität an: Sport, Feste, Musik, Mode. Aber auch die Amis finden ihre eigene, leider eher traditionslose und vom Kommerz geformte Kultur super und kümmern sich nicht um das, was im Rest der Welt so passiert. Und das ist schade, denn gerade die Vielfalt dessen, was die Menschen über die Erde verteilt glauben, denken, feiern und erschaffen, macht den Reichtum unserer Weltkultur aus.

Einheitskultur Nein Danke! Von mir aus dürfen die US-Amerikaner feiern, was sie wollen. Aber lasst uns damit bitte in Ruhe!

Einheitskultur Nein Danke! Von mir aus dürfen die US-Amerikaner feiern, was sie wollen. Aber lasst uns damit bitte in Ruhe!

Das beste Beispiel für unsere kritiklose Assimilierung ist Weihnachten. Wer wartet schon noch aufs Christkind? In deutschen Kinderstuben fiebert man stattdessen dem Weihnachtsmann entgegen – eine vage an den Heiligen St. Nikolaus angelehnte, 1931 von Coca-Cola erfundene Werbefigur. Hinterfragt wird das schon lange nicht mehr. Es wird einfach mitgemacht. Die Tand-Produzenten wiederum freut das, müssen sie sich doch nicht auf nationale Eigenarten in den unterschiedlichen Ländern einstellen und können weltweit den gleichen Schrott verkaufen.

Mit Halloween verhält es sich im Grunde genauso. Es gibt Produkte dafür, also werden sie auf die europäischen Märkte geworfen. Und weil unsere Spaßgesellschaft das eigene Denken als generell spaßfrei definiert hat, werden es jedes Jahr immer mehr Menschen, die der Mode kritiklos hinterher rennen.

Überflüssig zu erwähnen, dass wahrscheinlich nur die absolute Minderheit der Halloween-Mitläufer überhaupt weiß, was Halloween wirklich ist, nämlich eine in den USA mutierte Form des keltischen Samhain-Festes:

Das Samhain-Fest symbolisiert den Beginn des dunklen Halbjahres. An diesem Tag – so glaubten die Kelten – sei die Grenze zwischen den Welten offen, wie auch an Beltane. Aus diesem Grund nahm man an, dass die verstorbenen Ahnen in dieser Nacht auf der Erde wandeln, um ihre Verwandten zu besuchen. Um ihnen den Weg zu leiten, stellte man Lichter in den Fenstern auf und stellt ihnen Kleinigkeiten zu essen bereit.
Aus Wikipedia

Da ich an diesen ganzen übernatürlichen Schnickschnack nicht glaube – ich bin irgendwann vom Glauben zum Wissen konvertiert – ist mir das Samhain-Fest ziemlich egal. Wer an Seelenwandertage und nachtblinde Geister glaubt, soll das Fest feiern, mich dabei aber bitte in Ruhe lassen. Und das gilt ganz besonders für die Halloween-Mitläufer, die in der Regel zu dumm sind, um sich eigene Gedanken zu machen. Und damit meine ich nur bedingt den historischen Ursprung des Festes und ob man sich mit diesen Ursprüngen identifizieren will. Es geht hauptsächlich darum, was sie mit ihrem blinden Hinterherlaufen jeder Mode anrichten: sie treiben das Aussterben der vielfältigen Weltkultur voran, zugunsten einer hervorragend zu vermarktenden, billigen Einheitskultur. Den Kindern, die sich am Reformationstag lieber verkleiden und von Tür zu Tür gehen, kann ich dabei keinen Vorwurf machen. Sie können die Hintergründe nicht wissen. Den Eltern aber, die durchaus in der Lage sein sollten, sich selbständig zu informieren und die Folgen sehen zu können, kann man ihn nicht ersparen.

2 Responses to “Weltkultur – Einheitskultur?”

  • Dein bester Satz: “Da ich an diesen ganzen übernatürlichen Schnickschnack nicht glaube – ich bin irgendwann vom Glauben zum Wissen konvertiert”
    Öhm joah, was weißt du denn so genau? Und vorallem woher weißt du das? o.Ô

    Auch ein schönes Beispiel einer scheiß Tradition bei der andere terrorisiert werden: Das Nikolaus laufen. Nur weil irgendwann mal irgend ein alter langbärtiger Mann einer armen Familie was geschenkt hat, werden Kinder von Eltern losgeschickt die nichts von dem Mann bekommen haben um halt einen eigengen Vorrat an Süßigkeiten einzutreiben. Wollen wir nur hoffen, dass sich diese Tradition nicht weiter verbreitet!

    Außerdem weiß doch jeder: Deutsche Kultur = Böse weil wegen Hitler. Da bleibt einem doch gar nix andere ürbig als eine andere Kultur anzunehmen…

    • Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und daran glaube ich ;)

      Nee, es ist schon ein wenig fundierter. Ich halte mich gern an das, was als bewiesen gelten kann. Sprich: Ergebnisse der (Er-)Forschung, eigene Erfahrungen, so genannte Tatsachen. Dass es auch da noch genügend Sachen gibt, die auch nicht so sind, wie sie dargestellt werden – klar. Aber sie sind bei weitem nicht so hanebüchen wie die Vorstellung, dass es einen Gott gibt, der erst die Erde erschafft, Menschen nach seinem Ebenbild noch dazu, um dann mal eben (seit ungefähr 2000 Jahren) in den wohlverdienten (Er-)Schöpfungsurlaub zu fahren. Wer weiß, ob er wieder kommt?

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