Post an Wagner

On Dezember 7, 2011

Ich habe bei Facebook den Kanal von Bild-Chefredakteur Franz Josef Wagner abonniert. Denn in der Regel lese ich seine Texte sehr gern. Ich bin nicht immer mit ihm einer Meinung, aber er vertritt gern vermeintlich unpopuläre Positionen. Und das haben wir gemein: unsere Lust zu provozieren und anderen unsere Meinung mitzuteilen. Sonst hätte er nicht seine Kolumne und ich meinen Blog ;)

Normalerweise sitze ich vor dem Rechner und reagiere für mich selbst auf das, was Wagner der Welt mitteilt. Mal schmunzelnd, mal kopfschüttelnd, und immer mit einem gedachten Kommentar im Kopf. Heute aber antworte ich Franz Josef Wagner öffentlich. Denn sein letzter Text ist dann doch etwas zu… kontrovers. Es geht um Helmut Schmidt und sein irgendwie verbrieftes Recht, immer und überall zu rauchen. Wagner rechtfertigt das damit, dass Schmidt im Krieg mit dem Rauchen begonnen hat und es seitdem tut. Das dürfte für einige zehntausend andere auch gelten – die aber dürfen nirgends rauchen, wo es verboten ist. Schmidt aber schon? Meine Post an Wagner:

Lieber Franz Josef Wagner,

Helmut Schmidt war einmal Bundeskanzler. Im Nachhinein betrachtet und bewertet noch nicht einmal ein besonders erfolgreicher. Sein größtes Verdienst war wohl, dass er linken Terroristen gegenüber standhaft blieb, auch wenn es ihm weh tat, wie er später des öfteren betonte. Diese Position hat er allerdings erst nach dem Fall Peter Lorenz eingenommen. Die Familie Lorenz’ dankt es ihm sicherlich. Die Auswirkungen auf folgende Terrorakte aber können wir nur erahnen.

Den Ärger, den wir heute mit unseren Atomkraftwerken und dem von ihnen produzierten Müll haben, verdanken wir Menschen wie Helmut Schmidt. Er war immer ein Befürworter der Kernenergie, hat der Lobbyarbeit Tür und Tor geöffnet. Während seiner Regierungszeit wurden Tatsachen geschaffen, an denen wir heute noch knabbern müssen. Daran erinnert sich bei der SPD, die ihn jetzt, wann immer es geht, vor die Kameras schleift, niemand mehr gern. Übrigens war es Schmidts Idee, ein Lager für Atommüll in Gorleben zu schaffen.

Apropos SPD: die Sozialdemokraten scheinen aktuell einen Mangel an strahlenden Persönlichkeiten zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, warum man Schmidt ausgerechnet jetzt, nachdem man ihn einige Jahrzehnte lang fast vergessen hatte, so dringend für PR-Zwecke benötigt. Er ist eben der letzte lebende Altkanzler, mit dem man glänzen kann. Gerhard Schröder als Erfinder von Hartz IV und Förderer der Leiharbeit fällt dafür ja nunmal aus. Die SPD möchte weiter nach links rücken, da stört der Genosse der Bosse nur. Warum man dann aber ausgerechnet den höchst konservativen Schmidt hervor holt? Keine Ahnung. Vielleicht identifiziert sich die Partei ja mittlerweile mit seinen Positionen . Wie: Multikulti ist eine Illusion der Intellektuellen; es war ein Fehler, Anfang der 60er Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen einwandern zu lassen. Oder: die Volljährigkeit mit 21 war richtig, 18 Jahre sind dafür viel zu jung. Und das sind nur die populärsten Beispiele.

Helmut Schmidt ist mittlerweile eigentlich hauptsächlich eines: ein renitenter Raucher. Nun kann man über Sinn und Unsinn der diversen Rauchverbote trefflich streiten – ich selbst bin Nichtraucher, sogar Asthmatiker, aber mich stört es nicht, wenn Menschen in meiner Gegenwart in geeigneter Atmosphäre (zum Beispiel Kneipen, gesellige Abende – aber bitte nicht beim Essen) qualmen. Ich bin lieben Menschen gegenüber natürlich tolerant, und sie sind es mir gegenüber. Sie fragen, ob es mich stört, wenn sie rauchten, und ich sage ihnen, dass es mich nicht stört. Es ist ja nicht andauernd und ständig und überall. Und mit etwas Verständnis füreinander klappt sowieso alles besser.

Helmut Schmidt fragt leider nicht, ob er rauchen darf. Er tut es einfach. Und er fordert für sich das Sonderrecht ein, es immer und überall zu tun. Das finde ich arrogant. Und es ist ein komplett falsches Signal, wenn ein Altkanzler, der einst auf das Grundgesetz schwor, sich über dem Gesetz sieht. Gerade und besonders er müsste ein gutes Beispiel abgeben. Normalerweise.

Herr Wagner, Sie finden es in Ordnung, dass Herr Schmidt sich offen über die Gesetze stellt. Für Sie sind diejenigen, die anderer Meinung sind, pauschal Idioten. Denn Schmidt sei ein Relikt einer anderen Zeit, und man könne ihn deshalb nicht beurteilen. Ich möchte lieber nicht darauf hinweisen, was man alles dürfte, wenn man ein Relikt dieser Zeit, in der Herr Schmidt sozialisiert wurde, wäre. Mir wird sogar übel dabei.

Natürlich reagieren die militanten Nichtraucher dieses Forums Rauchfrei komplett falsch. Sie argumentieren nicht, sie kämpfen mit Feuer und Schwert. Der Gesundheitsglaube ist eine Ersatzreligion geworden, und viele Gläubige streiten im Namen ihres Gottes mit harten Bandagen. Toleranz ist, wie in jeder jungen Religion, ein Fremdwort, ein Tabu. Wer nicht an dasselbe glaubt wie man selbst, ist gnadenlos zu verfolgen. Aktuell sind es die Raucher; wer weiß, was als nächstes kommt. Damals war es übrigens Friedrich.

Trotzdem: Helmut Schmidt hat nicht das verbriefte Recht, immer und überall zu rauchen. Im Gegenteil, auch mit mittlerweile 92 Jahren hat er – als Teil lebendiger Geschichte – immer noch eine Vorbildfunktion. Ob er durch sein Vorbild Menschen zum Rauchen motiviert? Das glaube ich nicht. Aber er zeigt durch sein Vorbild, dass es Menschen gibt, die gleicher sind als andere. Die sich benehmen können, wie sie wollen. Ich glaube, wenn es etwas gibt, was wir bei unseren heutigen Problemen wirklich nicht brauchen, dann ist es so ein Vorbild.

Herzlichst

T.O. Becker

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