Die vier Stufen der Weltreflexion
Unsere Welt ist weit davon entfernt, perfekt zu sein oder wenigstens ansatzweise gerecht. Und ständig gibt es Gründe – oder zumindest Anlässe – um sich über irgend etwas aufzuregen. In letzter Zeit habe ich häufiger darüber nachdenken müssen, wie man mit Missständen umgehen sollte und kann. Auch darüber, wo ich selbst stehe. Das Ergebnis: man kann die Reflexion der Welt, den Umgang mit unserer Gesellschaft, wohl in vier Stufen einteilen:
1. Stufe: Alles ist rosarot. Das Leben ist eine Party, und solange das Sky-Abonnement läuft, der Leasing-VW vor der Tür steht, das neueste iPhone aufgeladen auf dem Tisch liegt und im CD-Regal nur Topstars zu finden sind, ist alles in bester Ordnung. Man schwimmt mit auf der Kommerzwelle, trägt bevorzugt Klamotten von Jack Wolfskin und freut sich als Norddeutscher über Bayern-Siege, obwohl man noch nie in München im Stadion war. Ich fürchte, dass der Großteil unserer Gesellschaft so tickt.
2. Stufe: Man hat kapiert, dass da einiges schräg läuft in unserer Welt. Aber das wird nicht negativ bewertet, sondern man versucht, seinen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Schließlich sei es clever, das System zu verstehen und zu nutzen. Gewissensprobleme gibt es keine – schließlich ist die Welt wie sie ist. Sich daran zu stören gilt als dumm. Ich vermute, dass besonders in unseren “Führungsschichten” viele Menschen zu finden sind, die sich auf dieser Stufe befinden.
3. Stufe: Das ist die kraftraubende Kampfphase. Die Missstände werden erkannt, das eigene Unrechtsbewusstsein rebelliert. Man versucht gegen das Unrecht anzukämpfen und reibt sich regelmäßig daran auf – nicht zuletzt, weil man es ständig mit Menschen zu tun hat, die auf Stufe eins oder zwei stehen. Der Kampf gegen die Windmühlen ist in der Regel nicht zu gewinnen. Auf dieser Stufe finden sich regelmäßig junge und idealistische Menschen wieder.
4. Stufe: Man weiß um die Fehler im System und lehnt sie ab, hat aber auch die Sinnlosigkeit gegen Mauern anzurennen verstanden. Stattdessen bemüht man sich darum, selbst sauber zu bleiben. Man verhält sich seinen Mitmenschen gegenüber korrekt, hält die eigenen moralischen Ansprüche ein. In Gesprächen vertritt man konsequent seine Meinung, aber der Missionierungswille der dritten Stufe fehlt bereits zu einem Großteil. Er ist oft aber auch unnötig, weil der persönliche Freundeskreis mittlerweile zu einem guten Teil aus Menschen besteht, die es ähnlich sehen.
Wo stehe ich? Viel zu oft noch auf der dritten Stufe, aber mit der Hoffnung, irgendwann einmal weise genug für Stufe vier zu werden. Wo seht Ihr Euch?




