Post an Wagner

Ich habe bei Facebook den Kanal von Bild-Chefredakteur Franz Josef Wagner abonniert. Denn in der Regel lese ich seine Texte sehr gern. Ich bin nicht immer mit ihm einer Meinung, aber er vertritt gern vermeintlich unpopuläre Positionen. Und das haben wir gemein: unsere Lust zu provozieren und anderen unsere Meinung mitzuteilen. Sonst hätte er nicht seine Kolumne und ich meinen Blog ;)

Normalerweise sitze ich vor dem Rechner und reagiere für mich selbst auf das, was Wagner der Welt mitteilt. Mal schmunzelnd, mal kopfschüttelnd, und immer mit einem gedachten Kommentar im Kopf. Heute aber antworte ich Franz Josef Wagner öffentlich. Denn sein letzter Text ist dann doch etwas zu… kontrovers. Es geht um Helmut Schmidt und sein irgendwie verbrieftes Recht, immer und überall zu rauchen. Wagner rechtfertigt das damit, dass Schmidt im Krieg mit dem Rauchen begonnen hat und es seitdem tut. Das dürfte für einige zehntausend andere auch gelten – die aber dürfen nirgends rauchen, wo es verboten ist. Schmidt aber schon? Meine Post an Wagner:

Lieber Franz Josef Wagner,

Helmut Schmidt war einmal Bundeskanzler. Im Nachhinein betrachtet und bewertet noch nicht einmal ein besonders erfolgreicher. Sein größtes Verdienst war wohl, dass er linken Terroristen gegenüber standhaft blieb, auch wenn es ihm weh tat, wie er später des öfteren betonte. Diese Position hat er allerdings erst nach dem Fall Peter Lorenz eingenommen. Die Familie Lorenz’ dankt es ihm sicherlich. Die Auswirkungen auf folgende Terrorakte aber können wir nur erahnen.

Den Ärger, den wir heute mit unseren Atomkraftwerken und dem von ihnen produzierten Müll haben, verdanken wir Menschen wie Helmut Schmidt. Er war immer ein Befürworter der Kernenergie, hat der Lobbyarbeit Tür und Tor geöffnet. Während seiner Regierungszeit wurden Tatsachen geschaffen, an denen wir heute noch knabbern müssen. Daran erinnert sich bei der SPD, die ihn jetzt, wann immer es geht, vor die Kameras schleift, niemand mehr gern. Übrigens war es Schmidts Idee, ein Lager für Atommüll in Gorleben zu schaffen.

Apropos SPD: die Sozialdemokraten scheinen aktuell einen Mangel an strahlenden Persönlichkeiten zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, warum man Schmidt ausgerechnet jetzt, nachdem man ihn einige Jahrzehnte lang fast vergessen hatte, so dringend für PR-Zwecke benötigt. Er ist eben der letzte lebende Altkanzler, mit dem man glänzen kann. Gerhard Schröder als Erfinder von Hartz IV und Förderer der Leiharbeit fällt dafür ja nunmal aus. Die SPD möchte weiter nach links rücken, da stört der Genosse der Bosse nur. Warum man dann aber ausgerechnet den höchst konservativen Schmidt hervor holt? Keine Ahnung. Vielleicht identifiziert sich die Partei ja mittlerweile mit seinen Positionen . Wie: Multikulti ist eine Illusion der Intellektuellen; es war ein Fehler, Anfang der 60er Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen einwandern zu lassen. Oder: die Volljährigkeit mit 21 war richtig, 18 Jahre sind dafür viel zu jung. Und das sind nur die populärsten Beispiele.

Helmut Schmidt ist mittlerweile eigentlich hauptsächlich eines: ein renitenter Raucher. Nun kann man über Sinn und Unsinn der diversen Rauchverbote trefflich streiten – ich selbst bin Nichtraucher, sogar Asthmatiker, aber mich stört es nicht, wenn Menschen in meiner Gegenwart in geeigneter Atmosphäre (zum Beispiel Kneipen, gesellige Abende – aber bitte nicht beim Essen) qualmen. Ich bin lieben Menschen gegenüber natürlich tolerant, und sie sind es mir gegenüber. Sie fragen, ob es mich stört, wenn sie rauchten, und ich sage ihnen, dass es mich nicht stört. Es ist ja nicht andauernd und ständig und überall. Und mit etwas Verständnis füreinander klappt sowieso alles besser.

Helmut Schmidt fragt leider nicht, ob er rauchen darf. Er tut es einfach. Und er fordert für sich das Sonderrecht ein, es immer und überall zu tun. Das finde ich arrogant. Und es ist ein komplett falsches Signal, wenn ein Altkanzler, der einst auf das Grundgesetz schwor, sich über dem Gesetz sieht. Gerade und besonders er müsste ein gutes Beispiel abgeben. Normalerweise.

Herr Wagner, Sie finden es in Ordnung, dass Herr Schmidt sich offen über die Gesetze stellt. Für Sie sind diejenigen, die anderer Meinung sind, pauschal Idioten. Denn Schmidt sei ein Relikt einer anderen Zeit, und man könne ihn deshalb nicht beurteilen. Ich möchte lieber nicht darauf hinweisen, was man alles dürfte, wenn man ein Relikt dieser Zeit, in der Herr Schmidt sozialisiert wurde, wäre. Mir wird sogar übel dabei.

Natürlich reagieren die militanten Nichtraucher dieses Forums Rauchfrei komplett falsch. Sie argumentieren nicht, sie kämpfen mit Feuer und Schwert. Der Gesundheitsglaube ist eine Ersatzreligion geworden, und viele Gläubige streiten im Namen ihres Gottes mit harten Bandagen. Toleranz ist, wie in jeder jungen Religion, ein Fremdwort, ein Tabu. Wer nicht an dasselbe glaubt wie man selbst, ist gnadenlos zu verfolgen. Aktuell sind es die Raucher; wer weiß, was als nächstes kommt. Damals war es übrigens Friedrich.

Trotzdem: Helmut Schmidt hat nicht das verbriefte Recht, immer und überall zu rauchen. Im Gegenteil, auch mit mittlerweile 92 Jahren hat er – als Teil lebendiger Geschichte – immer noch eine Vorbildfunktion. Ob er durch sein Vorbild Menschen zum Rauchen motiviert? Das glaube ich nicht. Aber er zeigt durch sein Vorbild, dass es Menschen gibt, die gleicher sind als andere. Die sich benehmen können, wie sie wollen. Ich glaube, wenn es etwas gibt, was wir bei unseren heutigen Problemen wirklich nicht brauchen, dann ist es so ein Vorbild.

Herzlichst

T.O. Becker

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Stephan Weil – ein Steuerfachmann

In wenigen Tagen wird Stephan Weil 53 Jahre alt. Sein Geburtstagsgeschenk hat sich der Oberbürgermeister von Hannover bereits jetzt selbst gemacht: ein großes Interview in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, prominent platziert, keine kritischen Nachfragen. Weil darf sprechen, ohne dass ihn jemand dabei aufhält. Und das wird für ihn gerade zum Eigentor.

Denn der Kandidat der Niedersachsen-SPD für die Landtagswahl 2013 redet sich dabei um Kopf und Kragen. Und hat dabei Glück, denn die Zeitungslandschaft in Ost-Niedersachsen wird dominiert von der Verlagsgesellschaft Madsack, deren Publikationen traditionell SPD-freundlich berichten – kein Wunder, ist doch die 100%ige SPD-Tochter dd_vg (Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft) mit 23,1% an Madsack beteiligt. Hier darf Weil also durchaus auf Milde hoffen – und auf eine Menge Relativierungen, warum das Gesagte gar nicht so gemeint war, wie es gedruckt wurde ;)

Aber was hat Weil jetzt so Schlimmes gesagt, dass man nur wenige Tage nach seiner Nominierung durch eine Mitgliederbefragung (wobei sich stolze 21% der SPD-Mitglieder für ihn aussprachen) bereits von einem Fehlstart reden darf? So einiges. Die Feststellung, es gäbe in ganz Niedersachsen keine geologisch geeigneten Formationen für Atommüll-Endlager mag nach den diversen Fiasken im Land gut gemeint gewesen sein, ist aber faktisch falsch. Dazu poltert er relativ unverständlich gegen Offshore-Windparks, was angesichts des Energiebedarfs unserer Gesellschaft und der Effizienz moderner Windkraftanlagen nicht nachvollziehbar ist.

Den größten Bock aber schießt Weil mit seiner Forderung nach höheren Steuern, für die er als Ministerpräsident unseres schönen Landes sorgen möchte. Er rechtfertigt diese Absicht mit dem Verbot neuer Schulden durch das Grundgesetz ab 2020. Einmal davon abgesehen, dass die Reallöhne der Menschen seit Jahren sinken, die notwendigen, unvermeidbaren Ausgaben (zB Strom, Wasser, Heizung, Treibstoffe) dagegen ständig neue Rekordhöhen erreichen, sind Steuererhöhungen in Niedersachsen noch aus einem ganz anderen Grund eine ganz doofe Idee: Steuern sind in Deutschland eine Sache des Bundes.

Jetzt ist es nicht so, dass das Land Niedersachsen keine eigenen Abgaben hat. Da wäre einmal die Biersteuer. Die kann er erhöhen, allerdings haben die Brauereien die Preise gerade erst selbst “angepasst” – aufgrund gestiegener Rohstoffkosten. Die Bier trinkenden Bürger dürften auf einen solchen Schritt also eher mit Unverständnis reagieren, die großen Brauereiketten könnten ihre niedersächsischen Standorte vielleicht sogar weiter herunterfahren. Und allzu prall dürften die Einnahmen aus einer höheren Biersteuer auch nicht sein.

Bleibt eigentlich nur die Grunderwerbsteuer. Bei der allerdings ist der Spielraum auch sehr begrenzt. Aktuell bezahlen die Niedersachsen eine Grunderwerbsteuer iHv 4,5%, damit befindet man sich bereits im Spitzenfeld der Bundesländer. Üblich sind 3,5 bis 5%, die mögliche Erhöhung betrüge also lediglich ein halbes Prozent. Sollte Weil ehrgeizigere Ziele haben, darf mit einer Intervention des Verfassungsgerichts gerechnet werden.

Mal abgesehen davon, dass Steuererhöhungen eine unglaublich einfallslose Methode sind, um Löcher im Staatssäckl zu stopfen (und sie oft genug zum Bumerang werden, nämlich dann, wenn die Leute zum Ausgleich weniger konsumieren, was wiederum weniger indirekte Steuern bedeutet etc.), hätte man vom Juristen Stephan Weil erwarten dürfen, dass er sich vorher darüber informiert, was ein Landesvater kann und was nicht. Immerhin will er diesen Job ab 2013 ausüben.

Und Weil hat wirklich Glück: in anderen Staaten wäre er als Kandidat jetzt erledigt, dafür würde die Medienvielfalt schon sorgen. In Deutschland aber, besonders in Niedersachsen, wird ihm nichts passieren. Wer schreibt schon schlecht über seinen Boss?

 

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Kick it Out – eine Android-App zum Ärgern

Seit einigen Wochen bin ich stolzer Besitzer eines Samsung Galaxy SII. Und das mit dem stolz sein ist fast gar nicht übertrieben, denn das Telefon macht eine Menge Spaß und gilt zurzeit zurecht als das Top-Modell unter den Smartphones. Wer es einmal ausprobiert hat, versteht auch, warum es Apples iPhones hinter sich lässt.

Ich bin immer wieder platt, was die Smartphones mittlerweile alles können. Wenn ich da an früher denke… mein erstes Mobiltelefon überhaupt war ein Siemens C10D. Große Tasten, kleiner Monochrom-Bildschirm, und es konnte sogar SMS verschicken! Das war damals, im Jahr 1999, wirklich noch eine Besonderheit. Die damaligen Telefone waren weit vom Leistungsumfang ihrer modernen Verwandten entfernt. Später legte ich mir ein Nokia 3650 zu, das als eines der ersten Smartphones galt. Und wirklich, im Vergleich zu den vorherigen Telefonen war bereits das ein Quantensprung. Mit Symbian der ersten Generationen war so einiges möglich. Zum Beispiel konnte man sich über eine Internetverbindung zusätzliche Programme aufs Telefon holen. App nannte man das damals allerdings noch nicht.

Jetzt habe ich also ein Samsung Galaxy SII. Und es ist eine faszinierende bunte Multimediawelt, die sich mir jetzt öffnet. Das Betriebssystem Android ermöglicht es Programmierern Software zu entwickeln, ohne zwangsläufig über den Shop des Herstellers gehen zu müssen. Das ist schließlich eines der größten Handycaps der iPhones: jeder Fliegendreck muss von Apple abgesegnet werden.

Kick it Out: der nackte Bildschirm
Kick it Out: der nackte Bildschirm

Allerdings kann das auch ein Vorteil sein. Denn ich nehme mal an, so etwas wie Kick it Out würde im iStore keine Chance haben. Kick it Out ist ein Fußballmanager, ausgelegt auf Interaktion. Die Grundversion ist kostenlos. Damit das Spiel aber auch nur halbwegs Spaß macht und spielbar wird, muss man allerdings Erweiterungen kaufen. Teure Erweiterungen. Um zum Beispiel überhaupt an einem Ligensystem teilnehmen zu können – sonst würde man ausschließlich Freundschaftsspiele und vielleicht einmal pro Tag ein Turnier spielen – muss man eine Scout- oder Trainer-Erweiterung erwerben. Kostenpunkt? 1,49 Euro. Es gibt noch weitere Add-Ons für jeweils 99 Cent, mit denen man im Spiel Vorteile gegenüber anderen hat. So kann man für echtes Geld Nachwuchsspieler kaufen, Energiedrinks oder die Berechtigung, das Heimatland zu wechseln (absurd!). Ganz besonders ärgerlich zeigt sich das beim Transfermarktsystem: der Manager ohne Erweiterung kann Spieler nur für den Preis anbieten, den das Programm als angemessen vorschlägt. Auch hat er beim Kaufen lediglich die Option “kauf den Spieler oder lass es bleiben”. Mit einer gekauften Erweiterung aber kann man für Spieler den Bruchteil des Werts bieten sowie selbst Spieler für ein Vielfaches anbieten. Manager ohne diese Möglichkeiten werden hier also zum billigen Ausbildungspool für die zahlenden Spieler. Letztendlich kann man sagen, dass der Spieler sich Erfolg mit realem Geld kaufen kann. Ein Prinzip, das bei mir schon immer ein Ausschlussgrund war.

Kick it Out: ständige Serverprobleme verleiden jeden Spielspaß
Kick it Out: ständige Serverprobleme verleiden jeden Spielspaß

Dazu hat Kick it Out auch noch ständige Verbindungs- und Serverprobleme und stürzt gern regelmäßig ab. Auch wenn Kick it Out einer der wenige verfügbaren Fußballmanager für Android ist – es gibt eigentlich keinen Grund, sich mit diesem Spiel rumzuärgern. Trotzdem bekommt Kick it Out im Android Market eine Spitzenbewertung nach der anderen. Warum? Nun, dafür hat sich Ludetis, Entwickler der App, etwas ganz Feines ausgedacht: jeder Spieler, der sich registriert, bekommt einen so genannten Bonuscode zugewiesen. Immer, wenn sich jemand neu anmeldet und diesen Bonuscode dabei eingibt, bekommen der alte und der neue Manager eine Bonuszahlung auf das virtuelle Vereinskonto. Kein Wunder, dass viele User bei der Bewertung also 5 Sterne geben, das Spiel loben und ihren Code da lassen: Kick it out im Android Market …

…womit wir bei den Vorteilen des iStores wären. Ein Freund meinte letztens zu mir, dass so etwas dort keine lange Überlebenschance hätte, weil es sich um erschlichene positive Bewertungen handele. Gut möglich. Ich haue Kick it Out jetzt jedenfalls runter vom Telefon. Ich habe mich genug geärgert. Und teure Erweiterungen, nur damit ein Spiel halbwegs Sinn ergibt, kaufe ich eh nicht.

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Die Heimat der Entschleunigung

Ich muss mal eben brechen. Und zwar eine Lanze, für Emden. Denn bisher kommt meine neue Heimatstadt viel zu schlecht weg im Togoblog. Klar, es gibt kein Verkehrskonzept. Und das wilde Rumfahren der Radler erfordert ständige Wachsamkeit. Fast so, als wären sie Kommunisten und man selbst die Freiheitlich Demokratische Grundordnung: wenn man einmal nicht aufpasst, kommt man unter die Räder.

Aber all das ist nur eine Facette dieser schönen Stadt. Es gibt da noch so viele andere, die Emden so l(i)ebenswert machen. Allem voran die Menschen. Wir wurden hier toll aufgenommen. Freundliche Kollegen, hilfsbereite Nachbarn, und sogar die Busfahrer sind selbst am Ende ihrer Schicht nicht genervt, sondern nett. Diese Eindrücke traten anfangs etwas in den Hintergrund, mittlerweile aber prägen sie mein Bild von Emden doch deutlich stärker als das tägliche Verkehrschaos.

Warum aber ist dieser Menschenschlag, der bundesweit für blöde Witze herhalten muss, derart aufgeschlossen und freundlich? Nach den wenigen Monaten hier kann ich dafür lediglich eine Theorie aufstellen: es liegt am entspannten Lebensumfeld. Ostfriesland, und mitten drin die Hauptstadt Emden, das ist die Heimat der Entschleunigung.

Emden, Rathaus. Der Mond ist aufgegangen. Die Frisur sitzt.

Emden, Rathaus. Der Mond ist aufgegangen. Die Frisur sitzt.

Klar, auch hier hat ein Tag 24 Stunden (wenn nicht gerade die Uhren umgestellt werden). Und auch hier muss man arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Man hat Ärger mit Behörden, mit Autowerkstätten, mit miesem Wetter. Und trotzdem läuft es hier viel entspannter ab als ich es bisher kannte.

Dazu muss ich sagen, dass Emden auch die bei weitem kleinste Stadt ist, in der ich bisher lebte – die Marinezeit mal ausgenommen. Vielleicht fällt mir diese Entschleunigung deshalb auch stärker auf als jemandem, der von hier stammt. Ich hoffe, dass ich das hektische Großstädtergehabe bald ablegen kann, um dieses Klima voll genießen zu können. Der nahende Winter mit angekündigten Rekordminuswerten (nein, ich spare mir jetzt den Spruch mit der Klimaerwärmung…) scheint dafür prädestiniert.

Warum aber entschleunigt Emden und tut (zumindest mir) dabei so gut? Wieder kann ich nur eine Theorie aufstellen: es liegt wohl an der fehlenden Reizüberflutung. Emden ist nicht langweilig, hat keine Engpässe, aber es werden den Menschen doch einige – in meinen Augen durchaus unnötige – Entscheidungen abgenommen. Ich bekomme hier alles, was ich brauche. Wirklich alles. Aber das Schweinerennen der Großstadt, das aufreibende Suchen nach dem wenige Cent günstigeren Angebot, die Angst vor dem Falschkauf, das fehlt zu einem guten Teil. Und das gilt auch für die Freizeitplanung. Man kann hier eine Menge machen, langweilig wird es wohl nie. Aber das erschlagende Angebot der Metropolen, das fehlt hier. Gott sei Dank.

Ich kann mich noch an die Jahre erinnern, die ich in Hannover (die Farbe grau als Stadt) lebte. Ständig war irgend etwas zu tun. Nicht in Bezug auf die Arbeit, sondern freizeittechnisch. Andauernd hatte man die Sorge, etwas zu verpassen, wenn man nicht mitgemacht hat oder wenigstens dabei war. Und das hat gestresst. Denn letztendlich konnte man kaum etwas davon richtig genießen. Das beste Beispiel dafür mag das Kleine Fest im Großen Garten sein, eine Kleinkunst- und Variete-Veranstaltung in den Herrenhäuser Gärten. Eine großartige Sache, aber das Angebot erschlägt. Denn den ganzen Abend über finden über das gesamte Areal verteilt sehenswerte Vorstellungen statt. Man möchte natürlich nichts verpassen, kann aber gar nicht alle mitbekommen. Also muss man selektieren, was am nächsten Tag in der Redaktion regelmäßig zu solchen Gesprächen führte:

A: Und? Warst Du gestern Abend beim Kleinen Fest?
B: Klar. War toll!
A: Am besten gefallen hat mir ja XYZ, aber auch ABC waren echt witzig.
B: Habe ich nicht gesehen. Wann sind die denn aufgetreten?
A: Um soundsoviel Uhr, da und da.
B: Schade, da war ich gerade bei 123.
A: Dann hast du aber wirklich was verpasst!

Verpasst! Genau darum ging es irgendwie immer: die Sorge, sich falsch zu entscheiden, etwas zu verpassen. Nicht mitreden zu können. Ob das Event, um das es ging, letztendlich wirklich so großartig war, sei mal dahin gestellt. Man hat es auf jeden Fall nicht verpassen dürfen.

Das ist hier – zum Glück – anders. Es ist immer etwas los, aber es existiert keine starke Konkurrenz zwischen den Ereignissen. Auch fehlt der Zwang, unbedingt dabei gewesen sein zu müssen.  Im Gegenteil, ich fühle mich freier in meinen Entscheidungen, was ich gesehen haben will, und was ruhig an mir vorbei gehen kann. Niemand zwingt mich auf die Laufbahn. Das ist schön.

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Emder Besonderheiten

Für einen Zugezogenen, der noch dazu bisher ausschließlich Groß- bzw. Sehr-Großstädten lebte, ist es eine knackige Umstellung, plötzlich in Emden zu wohnen. Nicht falsch verstehen: ich mag diese Stadt sehr. Mir gefällt es hier, alles in allem, richtig gut. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass alles perfekt ist ;)

Ich will mich nicht beschweren, dass es diese oder jene Ladenkette hier nicht gibt, weil mir Ladenketten grundsätzlich ziemlich egal sind. Emden ist mit etwas über 50.000 Einwohnern zwar die faktische Hauptstadt Ostfrieslands, aber naturgemäß kann eine Stadt dieser Größe gar nicht alles abdecken. Muss sie auch nicht. Denn man bekommt alles, was man braucht. Die Nahversorgung klappt also, und landschaftlich ist es hier oben sowieso einmalig schön.

Aber Halt! Da sind doch noch zwei Dinge, die ich von meinen bisherigen Wohnorten so nicht kannte. Seltsam, aber nicht wirklich schlimm ist, dass Lieferdienste für FastFood sich hier kräftig anstellen, was Entfernungen angeht. Wenige Meter von unserem Büro entfernt befindet sich zum Beispiel ein Chinese mit Bringservice. Den würden wir zu gern mal ausprobieren, aber: Lieferungen in die Vororte Emdens kosten 1,53 € (3 DM) extra. Und damit ist der Imbiss nicht allein, denn eine ganze Reihe anderer Bringdienste in der Innenstadt halten es genauso bzw. verlangen einen Mindestbestellwert, der bei etwa 20 Euro liegt. Angesichts der Entfernungen und Zeiten, die in Emden maximal anfallen würden, muss ich darüber schon schmunzeln. Denn selbst vom Harsweg nach Petkum braucht man in der Regel keine 20 Minuten ;) Das sah in Hannover anders aus, eine Anfahrtspauschale habe ich da aber nie bezahlen müssen.

Wer Bus fährt, ist sicherer unterwegs. Und länger dauert es in der Regel auch nicht.

Wer Bus fährt, ist sicherer unterwegs. Und länger dauert es in der Regel auch nicht.

Was mich aber erschreckt, ist die Vogelwildheit in Bezug auf Radfahrer. Zwei drei Radler nebeneinander – kein Thema. Mit Licht ab in die Dunkelheit? Tut nicht Not. Klingeln? Wird eh überbewertet. Fußgängerzonen? Sind lediglich Radwege ohne Autos. Emden hat ein Radler-Problem, das ist für Außenstehende offensichtlich – als Einheimischer hat man sich anscheinend daran gewöhnt und kapituliert. Ich weiß aber nicht, ob ich mich daran gewöhnen will, dass ich als Autofahrer nicht an Radfahrern vorbei komme, weil sie unbedingt nebeneinander fahren müssen. Dass mir Radfahrer in Einbahnstraßen entgegen kommen. Dass ich Radler in der Dämmerung und nachts nicht sehe, weil sie unbeleuchtet unterwegs sind. Und mehrfach hatte ich die Situation, dass Juri, unser Hund, in der Fußgängerzone fast überfahren worden wäre, weil ein Radfahrer von hinten kam und den Hund schlicht übersah. Polizeikontrollen habe ich bisher übrigens noch keine erlebt, dabei würde es wahrscheinlich reichen, täglich einen Polizisten in die Fußgängerzone zu stellen, um den Etat der Stadt mit den Bußgeldern zu sanieren…

Emden hat jetzt einen neuen Oberbürgermeister, Bernd Bornemann (SPD). Der hatte im Wahlkampf dazu aufgerufen, ihm Fragen zu stellen. Das habe ich dann auch gemacht und ihn gefragt, was unter seiner Leitung (und dass er gewählt würde war klar, denn in Emden gewinnt der SPD-Kandidat immer, selbst wenn er Micky Maus hieße) am Verkehrskonzept verbessert würde. Bis heute habe ich keine Antwort. Es bleibt zu hoffen, dass seine “Regierungsarbeit” aktiver ausfällt als sein Kontakt zum Wähler.

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